Mattersburgerkreis - Entwicklungstagung
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Die Entwicklungstagungen

Am Anfang stand die Wahrnehmung eines Unbehagens. Erst allmählich kristallisierten sich auch Perspektiven heraus, das Unbehagen durch neue Sichtweisen und Aktionen abzulösen.


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Wieso Entwicklungstagungen?
Das entwicklungspolitische Milieu in Österreich befindet sich seit einigen Jahren in einer eigenartigen Schräglage. Die Vielfalt der entwicklungspolitischen Aktivitäten, Produkte und Organisationen, deren hohe Spezialisierung und Professionalität steht - zumindest vordergründig - im Gegensatz zur grundsätzlich resignativen Grundstimmung in der sogenannten "Szene". Sie ist wohl Teil einer mehrfachen Krise, denn neben einer institutionellen Krise, die über Mittelkürzungen und Institutionenumbau sichtbar wird, gibt es eine grundsätzliche Krise der gesellschaftspolitischen Relevanz. Gleichzeitig wird allerorten aber versucht, mit neuen Methoden und Instrumenten der gewandelten Situation gerecht zu werden. Die dadurch ausgelöste Dynamik birgt manche Gefahr in sich, ebenso aber auch Chancen auf eine produktive Veränderung der Lage und eine neue Sichtweise der Welt und der Aufgaben entwicklungspolitischer Organisationen in ihr.

Eine neue, globalisierungskritische Bewegung
Außerhalb dieses Feldes oder zumindest am Randes desselben können ganz andere Entwicklungen beobachtet werden, die keineswegs von Resignation geprägt sich und die so trübsinnig machende Stimmung im Umfeld der AGEZ in Frage stellen. In den letzten zwei, drei Jahren ist eine globalisierungskritische Bewegung entstanden, die außerhalb der institutionalisierten Organisationen wirkt und die neue Technologien wie Internet und handy zur Kommunikation und Vernutzung nutzt. Zu mittlerweile symbolischen Manifestationen der neuen Bewegung kam es in Seattle anlässlich des WTO-Gipfels im Dezember 1999, in Göteborg beim EU-Gipfel Mitte Juni 2001 und, wenn auch mit einer geringeren Beteiligung, sogar in Österreich in Salzburg beim Weltwirtschaftsforum Anfang Juli 2001. Die Intensitätskurve stieg mit dem G8-Gipfel in Genua Ende Juli 2001, bei dem die staatlichen Behörden massiver als bisher zu gewalttätigen Maßnahmen griffen. Die turbulenten Ereignisse wurden in Österreich medial breit mitverfolgt, da eine Gruppe junger ÖsterreicherInnen, Angehörige der "Volxkarawane" über Wochen hinweg in Haft gehalten wurden und auch die offizielle österreichische Diplomatie in Interesse der Freilassung tätig wurde. Den bislang unübertroffenen Höhepunkt bot die globalisierungskritische Bewegung mit dem Weltsozialforum in Porto Alegre in Brasilien im Februar 2002, der nicht zuletzt als ein Gegengipfel zum Weltwirtschaftstreffen in New York zustande kam, diesen Oppositionscharakter aber durch die Akzentuierung des utopischen und visionären Diskurses überwinden konnte. Diese Serie von Demonstrationen und Gegengipfeln trägt deutlich entwicklungspolitischen Charakter, geht aber über den Kernbereich der traditionellen entwicklungspolitischen Themen, in jedem Fall aber über Fragen der Entwicklungszusammenarbeit weit hinaus. Es handelt sich um eine globalisierungskritische Bewegung, von der die Frage der weltweiten Verteilung von Macht und Reichtümern radikaler als bislang gestellt wird. Kennzeichnend ist auch die breite Trägerschaft und Beteilung, sodass sich hier die unterschiedlichsten AkteurInnen und Organisationen treffen, von Kirchen über Nichtregierungsorganisationen, Studierende, WissenschafterInnen, Basisgruppen bis zu Gewerkschaften und einigen PolitikerInnen.

Die österreichischen Varianten
An all diesen Großveranstaltungen, die nicht nur eine große Menge an jungen AktivistInnen anziehen, sondern auch von den Medien sämtlicher Industrieländer breit rezipiert werden, beteiligen sich die Organisationen der österreichischen Entwicklungspolitik wenig bis gar nicht. Aktivitäten dazu werden eher von kleinen Organisationen gesetzt, nicht aber von den mit größeren Finanzmitteln ausgestatteten "Traditionsinstitutionen". Das selbe gilt im Übrigen auch für die österreichische Variante des institutionalisierten Spontanprotestes gegen den Neoliberalismus, die wöchentlich stattfindende Donnerstagsdemonstration. Auch sie ist dezentral, über handy und Internet organisiert, mithin eine Manifestation des vom Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nicht unzutreffend als "Internet-Generation" verbrämten gesellschaftlichen Segments. Ich erwähne diese Bewegung ebenso wie die internationalen Protestereignisse als Ausdrucksformen eines neuen politischen Bewusstseins und eines neuen Aktionismus. Die Frage ist, ob es hier um eine andere soziale Realität geht als jene, in der sich die Nichtregierungsorganisationen der EZA bewegen. Es scheint eine Kluft zu geben zwischen einerseits den so dynamischen Bewegungen, die sich lautstark unter breiter Beteiligung auf der Straße manifestieren, und andrerseits den von der Öffentlichkeit kaum bemerkten, stark institutionalisierten Organisationen der professionellen Entwicklungszusammenarbeit.

Reflexion tut not!
Von diesen Fragen und diesem Unbehagen ging der Reflexionsprozess aus. Grundlegend war die Vermutung, dass es für eine wirksame Entwicklungszusammenarbeit mehr braucht als lediglich die Vermittlung von sozialtechnologische Kompetenzen, vielmehr Freiräume zum Nachdenken über Ziele und Wege Not tun. Nachgedacht werden muss aber nicht nur über die Realitäten im engeren Arbeitsumfeld, sondern stets auch über die Makrostrukturen, über all das, was als Neoliberalismus, Globalisierung und auch als Globalisierungskritik bezeichnet wird. Woran es über weite Strecken hinweg fehlt, sind die alternativen Modelle, auf die hingearbeitet werden könnte. Im neoliberalen Kontext werden viele Maßnahmen der EZA selbst zu Implementierungsschritten des Neoliberalismus. Nur Selbstreflexion schützt davor, die eigene Organisation zur Trägerin eines subtilen Neoliberalismus zu machen. "Wisse, was du tust" lautet die Maxime der Stunde, die das WAS vor das WIE stellt und damit die Priorisierung der Inhalte vor den Verfahrensweisen einfordert.

Die Zeiten sind keinesfalls rosig, die Strukturen wirken als wären sie unüberwindbar und als könnte kaum eine neue Dynamik aufkommen, die zur Trendwende führt. Gerade dieses so weitverbreitete Gefühl der Machtlosigkeit war aber schlussendlich Motivation dazu, diesen Reflexionsprozess anzubieten. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Gang der Dinge nicht notwendigerweise so verläuft wie er den Anschein verliehen bekommt. "Eine andere Welt ist möglich" lautete das Motto in Porto Alegre. "Wisse was du tust - für eine andere Globalisierung" war die Vorwegnahme dieses Ansatzes durch die Entwicklungstagung in Salzburg, bei der der reflexive Part besonders betont wurde. Reflexion sollte ermöglichen, neue Perspektiven zu eröffnen: Wie kann gegen eine solche Dynamik gearbeitet zu werden, ohne völlig mit der Realität zu brechen? Schließlich stellt es keine Option dar, schlichtweg "auszusteigen", da entwicklungspolitische Organisationen in und für einen Kontext arbeiten. "Wir müssen das Spiel spielen und es anders spielen" lautete ein Antwortversuch auf dieses Dilemma, freilich noch mehr ein Slogan als ein konkretes Arbeitsprogramm. Was in diesem Slogan fehlt, ist die Antwort auf die Frage nach der Ausrichtung der Arbeit: Wohin wollen wir gehen? Wie sieht die gesellschaftspolitische Alternative aus, auf die hin gearbeitet wird?

Es bleibt also noch viel zu tun. Die Reflexion der Entwicklungstagungen sind beide Male zum Ergebnis gekommen, dass der Prozess weitergehen muss. Die Wissenschaft kann hier weiterhin in enger Kooperation mit der AGEZ einen Reflexionsraum anbieten, in dem die Utopien vielleicht allmählich Gestalt annehmen können. Die konkrete Reflexionsarbeit müssen die daran Interessierten selbst leisten, die Ergebnisse sind dementsprechend nicht vorhersagbar.

weitere Infos auf www.paulofreirezentrum.at ...