Mattersburgerkreis - Entwicklungstagung
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Worum es geht.

"Es gibt einen Bedarf nach entwicklungspolitischer Reflexion!"
(aus dem Protokoll des Reflexionstreffens, 27.11.2002)

Die entwicklungspolitische Zivilgesellschaft befindet sich heute sicherlich an einem Scheideweg. Nach rund 40 Jahren der Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit stellen sich alte Fragen nach der Identität entwicklungspolitisch Interessierter: Wie ist das Zusammenspiel zwischen Entwicklungs-Hilfe und Entwicklungs-Politik? Reichte es, das Wort Hilfe durch Zusammenarbeit zu ersetzen, oder charakterisiert sich die EZA auch heute noch durch eine Hierarchie von Helfenden und Bedürftigen? Ist es wirklich anstrebenswert, bloß die Hilfe weiter zu professionalisieren oder wäre nicht eine Re-Politisierung der Entwicklungszusammenarbeit überfällig? Ist es überhaupt sinnvoll von der Re-Politisierung der Zivilgesellschaft zu einem Zeitpunkt zu reden, wo die Verdrossenheit mit politischen Parteien einen Höhepunkt erreicht hat?


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Über das Jahr 2001 hinweg und nochmals zwischen Juni 2002 und Dezember 2003 wurde vom Mattersburger Kreis gemeinsam mit der AGEZ - Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit der entwicklungspolitischen Szene sowie entwicklungspolitisch interessierten Personen in Österreich ein Reflexionsprozess angeboten, der von einer breiten Gruppe Interessierter in Anspruch genommen wurde. Ziel dieses Prozesses war es, herkömmliche Sichtweisen in Frage zu stellen und den scheinbaren Konsens in Fragen der EZA aufzubrechen. Die jüngsten Veränderungen der EZA im Spannungsfeld zwischen Staat und Markt wurden analysiert und Wege gesucht, wie trotz dieser Realitäten eine konstruktive Arbeit im Interesse der marginalisierten Bevölkerung in Ländern der Peripherie möglich ist.
Emotionaler und symbolischer Höhepunkt dieser beiden Reflexionsvorgänge waren die Erste Gesamtösterreichische Entwicklungstagung in Salzburg 25.-27. Oktober 2001 sowie die Zweite Gesamtösterreichische Entwicklungstagung in Graz vom 5.-7. Dezember 2003. Im nach der Tagung in Salzburg veranstalteten Reflexionstreffen wurden folgende Erkenntnisse festgehalten, die für die Weiterarbeit von Bedeutung sind:

die EINE Welt:
Eine partikularistische, auf einen engen Begriff von Entwicklungspolitik eingeschränkte Sichtweise der Welt muss aufgegeben werden zugunsten einer breiten und umfassenden, universalistischen Weltsicht, die Fragen der Politik, der Ökonomie, der Menschenrechte, des Sozialen, des Ökologischen, der Geschlechterverhältnisse als Herrschafts- und Verteilungsfragen versteht und Entwicklungspolitik als einen Weg zur Durchsetzung umfassender Gerechtigkeitsvorstellungen betreibt. In der EINEN Welt müssen die sozialen Fragen des Südens mit jenen des Nordens verbunden werden.

das geteiltes Wissens:
Eine solche Weltsicht braucht eine profunde Analyse von Mensch und Gesellschaft. Die kritischen Sozialwissenschaften können Analysefähigkeit einbringen und darüber hinaus die Entwicklung neuer gesellschafts- und entwicklungspolitischer Perspektiven unterstützen. Ein solches Wissen kann nicht marktkonformes Herrschaftswissen sein, sondern versteht sich als gemeinsam geteiltes Wissens, das ausgehend von den Erfahrungen der Ausgeschlossenen entwickelt wird.

das solidarische Milieu:
Eine komplexe Weltsicht wird nicht von einem breiten Segment der Bevölkerung getragen werden, vielmehr von einem sensiblen und solidarischen Milieu. Interessierte Menschen brauchen aber entsprechende Möglichkeiten sich weiterzubilden, engagierte Personen suchen Rückenstärkung durch gute Theorien und Analysemodelle für ihren Einsatz. Eine Repolitisierung dieses Milieus ist Voraussetzung dafür, dass auch weitere Kreise der Bevölkerung Zugang zu einem politisierten (Welt-)Bewusstsein finden.