JEP 1/2000
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Ausgabe 2000/1:
Kultur und Entwicklung


Inhaltsverzeichnis und Abstracts


JEP AUSGABE
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Schwerpunktredaktion: Gerald Faschingeder/Franz Kolland


Inhalt

Gerald Faschingeder/Franz Kolland
Editorial


Gerald Faschingeder
Kultur und Entwicklung - Ein unscharfes Begriffspaar zwischen Wiederbelebung und Dekonstruktion
Abstract

Tina Prokop
"Indigene, lokale" Kulturen - Von der Instrumentalisierung imaginierter Gemeinschaften in der Entwicklungszusammenarbeit
Abstract

Erich Pilz
Modernisierung ohne Verwestlichung? - Chinesische Positionen zum Verhältnis von Kultur und Entwicklung
Abstract

Ilker Ataç, E. Asli Odman, M. Gökhan Tuncer
Zwischen "Grüner Gefahr" und "Ziviler Befreiung" - Zur aktuellen Diskussion über das Verhältnis zwischen Politik und Religion in der Türkei seit 1980
Abstract

Georg Grünberg
Alter Wein in Neue Schläuche - zur Kulturverträglichkeit von Entwicklungsprojekten mit indianischen Völkern in Lateinamerika
Abstract

 

Abstracts


Gerald Faschingeder
KULTUR UND ENTWICKLUNG
Ein unscharfes Begriffspaar zwischen Wiederbelebung und Dekonstruktion

In diesem Artikel werden zunächst die verschiedenen Zugänge zur Frage nach der Relevanz von Kultur in den unterschiedlichen Strängen der entwicklungstheoretischen Diskussion zusammengefaßt. Es wird argumentiert, daß trotz seiner scheinbaren Neuheit das Thema "Kultur und Entwicklung" zum Altbestand entwicklungstheoretischer Reflexion gehört. Insbesondere die modernisierungstheoretische Tradition hat diesem Thema viel Aufmerksamkeit gewidmet, dabei aber einen instrumentellen Zugang entwickelt, der Kultur lediglich als eine intervenierende Variable im Entwicklungsprozeß betrachtet. Zu einer anderen Perspektive gelangen Ansätze, die einen in der Ethnologie gebräuchlichen Kulturbegriff wählen und Kultur als Totalität verstehen. Kultur bleibt dann nicht mehr eine Variable unter anderen im Rahmen des, stets übergeordneten, Entwicklungsprozesses, sondern Entwicklung selbst wird als ein Teil der Kultur der Entwickler verstanden. Zuletzt aber wird in diesem Artikel betont, daß in beiden referierten Zugängen ein Verwirrspiel stattfindet, solange Fragen von Macht und Verteilung ausgespart bleiben. Ausgehend von den Arbeiten Michel Foucaults, der Cultural Studies und Arturo Escobars wird aufgezeigt, daß Kultur selbst als ein Begriff verstanden werden muß, der aus einem spezifischen kulturellen und politischen Kontext stammt. Eine ständige Reflexion des eigenen Kulturbegriffs ist deshalb vonnöten, soll dieser Begriff sinnvoll verwendet werden.

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Tina Prokop
"INDIGENE, LOKALE" KULTUREN
Von der Instrumentalisierung imaginierter Gemeinschaften in der Entwicklungszusammenarbeit

In diesem Artikel wird die in vielen Entwicklungstheorien übernommene Kulturkonzeption kritisiert, deren Prämisse die Kohärenz, Besonderheit, Unabhängigkeit und territoriale Gebundenheit der verschiedenen "Kulturen" ist. Um die Dekonstruktion dieser Konzeption vornehmen zu können, wird deren Instrumentalisierung zur Grenzziehung dargestellt. Davon ausgehend wird vorgeschlagen, die Welt bestehend aus interdependenten Räumen zu konzeptualsieren, die durch hierarchische Beziehungen und vielfältige Machtkonstellationen charakterisiert sind. Dies würde erlauben, jene Kontexte kritisch zu untersuchen, in denen Grenzziehungen und Konstruktionen von "Gemeinschaft" stattfinden, sowie die dabei involvierten Wirkungsweisen von Machtverhältnissen sichtbar zu machen. Konkret wird das am Beispiel der Texte jener TheoretikerInnen demonstriert, die sich die Erforschung, Kategorisierung und Förderung von "indigenen Wissenssystemen" zur Aufgabe gemacht haben. Im Zuge ihrer Zuschreibung von Bestimmung und Wert klassifizieren sie nicht sich selbst, sondern die "Anderen" als "indigen" und "lokal", definieren deren "Indigenität" und "Lokalität" und machen die dabei erstellten Kritierien zu Essentialismen für Entwicklungszusammenarbeit.

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Erich Pilz
MODERNINSIERUNG OHNE VERWESTLICHUNG?
Chinesische Positionen zum Verhältnis von Kultur und Entwicklung

China kann auf einen Diskurs über Kultur und Entwicklung zurückblicken, der vor mehr als 100 Jahren begann und sich seither zwischen zwei Extrempositionen bewegt: totale Verwestlichung und Revitalisierung des "Konfuzianismus" zum Zwecke der Rekonstruktion einer alternativen Moderne. Das Hauptproblem des Diskurses - so das Argument - liegt darin, daß seit seiner Wiederbelebung in den 80er Jahren die Nennung politischer und struktureller Faktoren als Gründe für ausbleibende Entwicklung sehr problematisch ist, so daß vor allem die traditionelle Kultur verantwortlich gemacht wird. Ein zweites Problem liegt darin, daß der Diskurs ausschließlich zwischen der intellektuellen und der politischen Elite geführt wurde, ohne Einbeziehung der ökonomischen Elite. Dies - so der Eindruck - könnte sich seit 1989 geändert haben.

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Ilker Ataç, E. Asli Odman, M. Gökhan Tuncer
ZWISCHEN "GRÜNER GEFAHR" UND 2ZIVILER BEFREIUNG"
Zur aktuellen Diskussion über das Verhältnis zwischen Politik und Religion in der Türkei seit 1980

Spätestens seit den Wahlerfolgen der islamistischen Wohlfahrtspartei ab 1994 spricht man von einem Aufstieg des politischen Islam in der Türkei. In diesem Artikel wird ein kritischer Blick auf zwei Ansätze geworfen, die dieses Phänomen zu erklären versuchen. Einerseits werden orientalistische Positionen analysiert, die die Entwicklung in der Türkei unter dem Stichwort "religiöser Fundamentalismus" abhandeln und dabei auf einem unversöhnbaren Unterschied zwischen dem "fortschrittlichen Westen" und "atavistischen Orient" aufbauen. Exemplarisch für diese Herangehensweise werden Zeitungsartikel aus den österreichischen Medien untersucht, in denen über die Zollunionsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei ende 1995 berichtet wird. Als zweites wird die Interpretation der islamistischen Bewegung als Identitätspolitik durch eine gruppe vo türkischen liberalen Intellektuellen näher betrachtet. Anhand ihrer repräsentativen Werke werden die gemeinsamen Züge herausgearbeitet, wobei sich herausstellt, daß auch diesen ein ahistorischer Dualismus "Staat vs. Zivilgesellschaft" zugrunde liegt. Schließlich wird ausgehend von dieser Kritik und Gramscis Theorie der Hegemonie der Versuch unternommen, einen alternativen Erklärungsansatz zu entwickeln. Dieser soll anhand zweier Phänomene des Politischen Islams, einerseits des islamistischen Industriellen- und Unternehmerverbandes (MÜSIAD) und andererseits der nach 1980 propagierten "Türkisch-Islamischen Synthese", die komplexen Zusammenhänge zwischen der ökonomischen, politischen und kulturellen Ebene verdeutlicht.

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Georg Grünberg
ALTER WEIN IN NEUEN SCHLÄUCHEN
zur Kulturverträglichkeit von Entwicklungsprojekten mit indianischen Völkern in Lateinamerika

Dieser Artikel bringt eine Zusammenfassung der Ergebnisse einer Reihe von Studien über Erfolgsbedingungen von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit im ländlichen Raum, die belegen, daß der Berücksichtigung soziokultureller Faktoren eine bedeutende Rolle zukommt. Kulturelle Vielfalt ist kein "Entwicklungshemmnis", sondern vielmehr konstitutives Merkmal menschlicher Anpassung an Biodiversität. Im Zentrum des Beitrages stehen nähere Ausführungen über die praktischen Erfordernisse für eine kulturverträgliche Zusammenarbeit, wie etwa der gesellschaftspolitische Rahmen, Langfristigkeit und Flexibilität der Vereinbarungen, Kontinuität des Dialogs, Klarheit der Rollenverteilung und die gegenseitige Informationspflicht. Beispiele aus der Lebensrealität indigener Völker am Amazonas illustrieren dies.

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