Schwerpunktredaktion: Christof Parnreiter
Christof Parnreiter
Editorial
Leseprobe
Enrique Dussel Peters
Globalisierung auf Mexikanisch: die Transnationalisierung der mexikanischen verarbeitenden Industrie
Abstract
Harley Shaiken
The New Global Economy: Trade and Production under NAFTA
Abstract
Kristina Pirker
Der Herbst der Patriarchen ...
Mexikanische Gewerkschaften und neoliberale Modernisierung
Abstract
Magda Fritscher Mundt
Mexikos Landwirtschaft im Neoliberalismus:
Chronik eines Zusammenbruchs
Abstract
Petra Purkarthofer
Transformation ohne Demokratisierung?
Abstract
Patricia Mar Velasco
Höhere Schulbildung in Mexiko im Kontext der Veränderungsprozesse der letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts
Abstract
Hans-Jürgen Burchhardt
Dezentralisierung und local governance: empirische Befunde und neue theoretische Anforderungen
Abstract
Johnston Wagona Makoba
Toward the Commerzialization of Microfinance Institutions: A Global Phenomenon
Abstract
Abstracts
Christof Parnreiter
EDITORIAL
In Abwesenheit und unter Ausschluss von Kuba unterzeichneten Vertreter von 34 nord-, zentral- und südamerikanischen Staaten im April 2001 ein Abkommen über die Schaffung einer amerikanischenFreihandelszone, die von Alaska bisFeuerland reichen soll. Für Lateinamerika wäre diese "Free Trade Area of theAmericas" Ergebnis und vorläufiger Höhepunkt einer ökonomischen und politischenTransformation, die mit der Schuldenkrise 1982 begann und in deren Verlauf in praktisch allen Ländern die binnenorientierten, staatszentrierten Ent-wicklungsmodelle aufgegeben und weltmarktorientierte Strategien neoliberaler Prägung eingeschlagen wurden. Glaubt man den öffentlichen Erklärungen, so verbinden die Präsidenten Lateinamerikas viel Hoffnung mit dem Freihandelsabkommen. Es soll die Exportwirtschaft und den Zufluss von ausländischen Investitionen fördern, das Wirtschaftswachstum stimulieren und eine dauerhafte Reduktion von Armut ermöglichen. In diesem Kontext lohnt eine detaillierte Untersuchung der Auswirkungen der Liberalisierungs- und Freihandelspolitik auf Mexiko. Vor 15 Jahren, 1986, trat dieses Land dem GATT (heute WTO) bei, und spätestens zwei Jahre später, mit dem Regierungsantritt von Carlos Salinas de Gortari, bestimmte die Liberalisierungspolitik die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Mexikos. Obwohl - und gerade weil - Mexiko mit seiner Integration in den US-Wirtschaftsraum einem paradigmatischen Vorbild für andere lateinamerikanische taaten geworden ist, muss eine kritische Bilanz von 15 Jahren Freihandel ezogen werden. Gewiss, Mexiko konnte einige makroökonomische Ziele der Liberalisierungsstrategie erreichen. Die Inflation und das Haushaltsdefizit wurden deutlich reduzieren, und Außenhandel sowie Zufluss von ausländischem Kapital sind markant gestiegen. Andere wirtschaftlichen Ziele wurden aber klar verfehlt. Die Handels- und Zahlungsbilanz sind weiterhin (und in steigendem Ausmaß) negativ, die jährliche Wachstumsrate der Wirtschaft liegt mit weniger als 3% nicht nur deutlich unter dem selbst gesteckten Ziel von 6%, sondern auch unter dem während der Importsubstitution erzielten Wachstum, und das BIP per capita nahm im Jahresschnitt nur um 1% zu. In sozialer Hinsicht fällt die Bilanz der Liberalisierungs- und Freihandelspolitik noch negativer aus. Die Zunahme an Arbeitsplätzen blieb weit hinter den Versprechungen der Regierung und den Notwendigkeiten des Landes zurück, weshalb mittlerweile bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung in der unregulierten informellen Wirtschaft arbeiten müssen. Die realen Löhne verfielen dramatisch - seit 1980 verloren sie mehr als 40% ihres Wertes, wobei die realen Mindestlöhne gar zwei Drittel einbüßten. All diese Entwicklungen trugen dazu bei, dass sie Kluft zwischen dem reichsten Zehntel und dem ärmsten Drittel der Bevölkerung weiter gewachsen ist. Enrique Dussel Peters und Magda Fritscher Mundt analysieren in ihren Texten die Auswirkungen der Liberalisierungs- und Freihandelspolitik auf die mexikanische Industrie und Landwirtschaft. Trotz der erwartungsgemäß erheblichen Unterschiede zwischen den beiden Sektoren springt vor allem die Ähnlichkeit der strukturellen Probleme von Industrie und Landwirtschaft ins Auge. Beide Sektoren sind gekennzeichnet a) durch eine wachsende Importpenetration, die die heimische Produktion an den Rand drängt oder überhaupt verdrängt; und b) durch eine zunehmende Desintegration von nationalen Wertschöpfungsketten, die auf die wachsende Abhängigkeit von Importen folgt. Diese Situation führt im industriellen Sektor zu einer schrittweisen Maquiladorisierung der gesamten Industrie, also zur Verwandlung des ganzen Landes in eine einzige Exportproduktionszone. Mexiko dient, wie auch Harley Shaiken analysiert, zunehmend als Produktionsstätte für transnationale Konzerne, die ob der niedrigen Löhne und des Freihandelsabkommens in das Land kommen. In der Landwirtschaft ist das Ergebnis von wachsender Importpenetration und Desin-tegration von nationalen Wertschöpfungsketten der Zusammenbruch der agra-rischen Ökonomien und Gesellschaften. In politischer Hinsicht wurde Mexiko in den letzten Jahren durch die schrittweise Aushöhlung und die Herausforderung des Machtmonopols der Staatspartei PRI geprägt. Petra Purkathofer geht der Frage nach, ob etwa die Wahlrechtsreformen und der Machtwechsel an der Spitze des Staates (und auch auf zahlreichen "mittleren" Ebenen) als Demokratisierungsprozess gedeutet werden kann - trotz der nach wie vor dominanten Position des Präsidenten, der Militarisierung einiger Bundesstaaten, dem fortbestehenden Klientelismus und der steigenden sozialen Ungerechtigkeit. Einen spezifischen Aspekt der politischen Veränderungen untersucht Kristina Pirker. Sie hält einerseits fest, dass die Gewerkschaften ihre traditionellen Einflussmöglichkeiten verlieren, was zum einen das Ergebnis der durch die Liberalisierungs- und Freihandelspolitik veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist. Zum anderen ist aber auch die Krise des Korporativismus, die oft als Demokratisierung interpretiert wird, verantwortlich für den Rückgang gewerkschaftlicher Mitbestimmungsmöglichkeiten. Das nach dem Aufstand der Zapatisten im Bundesstaat Chiapas wohl deutlichste Zeichen von sozialer Unruhe und politischem Widerstand war der fast einjährige Streik an der größten staatlichen Universität UNAM 1999-2000. Patricia Mar Velasco untersucht in ihrem Beitrag die strukturellen Veränderungen im mexikanischen Hochschulwesen, die zu diesem Streik geführt haben. Zusammengenommen zeigen die in diesem Heft versammelten Beiträge eine nachteilige - wenn nicht offen negative - Bilanz der Liberalisierungs- und Freihandelspolitik für den Großteil der mexikanischen Gesellschaft und Wirtschaft. Diese problematischen Erfahrungen sollten, gerade angesichts der angekündigten Schaffung einer ,,Free Trade Area of the Americas", Ernst genommen werden. Die Liberalisierungs- und Freihandelspolitik bringt den Ländern und Menschen in Lateinamerika mehr Gefahren als Chancen.
nach oben
Enrique Dussel Peters
GLOBALISIERUNG AUF MEXIKANISCH:
die Transnationalisierung der mexikanischen verarbeitenden Industrie
Seit den späten 1980er Jahren verfolgt die mexikanische Regierung eine radikal exportorientiertes Entwicklungsmodell. Als Ergebnis dieser Stategie lässt sich die Transnationalisierung eines kleinen Segments der mexikanischen Wirtschaft beobachten, die mit einer allgemein zunehmenden Polarisierung einher geht. Dieser Artikel beschreibt die wichtigsten Voraussetzungen, die Rationalität und die Mängel dieser Entwicklungsstrategie. Dabei wird davon ausgegangen dass ihre sozioökonomische Nachhaltigkeit begrenzt ist, nachdem die meisten Haushalte, Unternehmen, Branchen, Sektoren und Regionen nicht an der grundlegenden Integration in die US-amerikanische Wirtschaft teilhaben. Unter diesem Blickwinkel werden die Produktions- und Handelsstruktur der mexikanischen Wirtschaft untersucht, was sowohl auf der Ebene der makroökonomischen Bedingungen und der Gesamtentwicklung der Erzeugung als auch im Hinblick auf spezifische Bereiche wie u.a. Produktivität, Beschäftigung, Reallöhne und zwischenindustrieller Handel geschieht.
nach oben
Harley Shaiken
THE NEW GLOBAL ECONOMY:
Trade and Production under NAFTA
Mit dem Ansteigen des Handels zwischen Mexikos und den USA unter NAFTA, entwickelte sich Mexiko zu einer Exportplattform bei nur geringer Ausweitung des Verbrauchermarktes. Zu diesem Phänomen trägt ein Widerspruch bei, der mit der neuen internationalen Arbeitsteilung in Zusammenhang steht: weltweite Produktion verbunden mit niedrigen Löhnen. Dieser Artikel untersucht drei Aspekte des US-mexikanischen Handels: erstens den allgemeinen Charakter dieser Handelsbeziehung mit dem Schwerpunkt auf den ,,revolving door exports"; zweitens die Entwicklung Mexikos zu einem hochqualitativen und hochproduktiven Exporteur, illustriert am Beispiel der Automobilindustrie und drittens die zugrundeliegenden institutionellen Faktoren, die das Missverhältnis zwischen der wachsenden Produktivität und niedrigen Reallöhnen in Mexiko prägen.
nach oben
Kristina Pirker
DER HERBST DER PATRIARCHEN ...
Mexikanische Gewerkschaften und neoliberale Modernisierung
Der mexikanische Korporativismus hat seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zur politischen Stabilität des Landes beigetragen und die Gewerkschaften zu Stützpfeilern des Einparteienregimes der PRI gemacht. Die wirtschaftliche Integration Mexikos in die Weltwirtschaft seit 1987 und die politischen Veränderungen haben die traditionellen gewerkschaftlichen Einflussmöglichkeiten reduziert. Die letzten Regierungen der PRI schränkten die Mitspracherechte der Gewerkschaften im Staat, aber nicht die politische Kontrolle der Partei über die Organisationen, ein. Der Artikel analysiert, wie die korporativen Mechanismen an Stärke verloren und mit welchen Strategien die Tendenzen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung versuchen den wirtschaftlichen und politischen Veränderungen, vor und nach dem Regierungswechsel, zu begegnen.
nach oben
Magda Fritscher Mundt
MEXIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT IM NEOLIBERALISMUS:
Chronik eines Zusammenbruchs
Der landwirtschaftliche Sektor Mexikos befindet sich in einer tiefen Krise, die durch den Wandel der Agrarpolitik und durch den Freihandelsvertrag mit den USA ausgelöst wurde. Die landwirtschaftlichen Produzenten, die einerseits der staatlichen Unterstützung und des Zollschutzes beraubt wurden, und die andererseits mit unbeschränkten Agrarimporten aus den USA konfrontiert sind, stehen vor einer unsicheren Zukunft. Der Artikel analysiert erstens die Charakteristika der gegenwärtigen strukturellen Ungleichgewichte in der Landwirtschaft, zweitens die verschiedenen Aspekte der staatlichen Politik und ihre Unfähigkeit, ein neues Gleichgewicht aufzubauen und die Landwirtschaft zu fördern, und drittens die Strategien der betroffenen Bevölkerung angesichts der Krise.
nach oben
Petra Purkharthofer
TRANSFORMATION OHNE DEMOKRATISIERUNG?
In diesem Artikel wird argumentiert, daß die zunehmende Wahrscheinlichkeit von freien und fairen Wahlen sowie der steigende Parteienpluralismus in Mexiko bis zu den Wahlen im Juli 2000 zwar als demokratische Tendenzen festzuhalten sind, aber nicht ausreichen, um den Tatbestand eines umfassenden Demokratisierungsprozesses zu konstatieren. Die dominante Position des Präsidenten, fortbestehender Klientelismus, unzureichende Gewaltenteilung und fehlender Föderalismus sind Demokratiehindernisse der Realverfassung des politischen Systems Mexikos. Ab den 80er Jahren stieg der soziale Unmut über diezunehmende Verarmung, was den Konsens über das propagierte Modernisierungsprojekt bröckeln ließ. Zunehmende Mobilisierung und die Forderungen der sozialen Bewegungen, fallende Legitimität der wirtschaftlichen Regierungsprogramme und regionale Militarisierung in einigen Bundesstaaten addieren sich somit zu den Herausforderungen einer wirklichen Demokratisierung unter dem neuen Präsidenten Vicente Fox.
nach oben
Patrica Mar Velasco
HÖHERE SCHULBILDUNG IN MEXIKO IM KONTEXT DER VERÄNDERUNGSPROGRAMME DER LETZTEN BEIDEN JAHRZEHNTE DES 20. JAHRHUNDERTS
Angesichts der Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte und deren Auswirkung auf die höhere Schulbildung in Mexiko wird in diesem Aufsatz argumentiert, dass es sehr notwendig wäre der Frage nachzugehen, welchen Veränderungen das höhere Bildungswesen unterworfen war und wie dessen vorrangige Akteure (Studierende, Lehrende, ForscherInnen und Behörden) in dieser Situation agieren. Einige Darstellungen geben ein Bild der aus diesen jüngsten Veränderungen hervorgegangenen Problematiken. Die Umstrukturierungen treffen Personen und diese reagieren oder agieren, bleiben aber jedenfalls nicht unabsetzbar. Sie sind Subjekte inmitten der Spannungen im Machtkampf um das Bildungswesen und diese Spannungen haben Auswirkungen, die viel mehr umfassen als den Bildungsbereich. Es geht dabei um nichts geringeres als Lebensentwürfe.
nach oben
Hans-Jürgen Burchhardt
DEZENTRALISIERUNG UND LOCAL GOVERNANCE:
EMPIRISCHE BEFUNDE UND NEUE THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN
Dezentralisierung ist das am weitesten fortgeschrittene Element der "Reformen der zweiten Generation", mit denen in Lateinamerika seit mehreren Jahren eine Modernisierung von Staaten angestrebt wird. Während die weltweit wachsenden Protagonisten der Dezentralisierung mit ihr mehr staatliche Effizienz und eine Vertiefung der Demokratisierungsprozesse erreichen wollen, wird sie von ihren Kritikern häufig als Anpassung der Politik an die neuen ökonomischen Bedingungen der Globalisierung begriffen. Der Beitrag beschreibt über eine Analyse der theoretischen Konzepte und empirischen Erfahrungen den aktuellen Zustand, die Qualität und die politischen Auswirkungen der Dezentralisierung in Lateinamerika. Zusätzlich weist er auf neue Forschungsfelder hin, deren Bearbeitung eine Bewertung von Dezentralisierungspolitiken in Zukunft erleichtern könnte.
nach oben
Johnston Wagona Makoba
TOWARD THE COMMERCIALIZATION OF MICROFINANCE INSTITUTIONS
Dieser Artikel untersucht, ob die derzeit weltweite Trendwende im Bereich der Mikrofinanzierungsinstitutionen (MFIs) hin zu Kommerzialisierung oder Profitabilität ein natürlicher evolutionärer Prozess ist, oder aus dem Druck der "Geber" resultiert, die größer angelegte Operationen und mehr finanzielle Nachhaltigkeit erreichen wollen. Dieser Artikel analysiert zwei Ansätze (den integrierten Ansatz und die Finanzsystem Perspektive) zur Kommerzialisierung von Mikrofinanzierung und kommt zu dem Ergebnis, dass der Wunsch nach finanzieller Nachhaltigkeit großteils von Seiten internationaler Geldgeber ausgeht.