
Ausgabe 2002/3:
Neoliberalism at work: Netzwerke, Wissensproduktion und neue Eliten in der Peripherie

Schwerpunktredaktion: Karin Fischer
Karin Fischer
Editorial
Bernhard Walpen
Neoliberale Wissensproduktion in Taiwan: Eine erste Problemskizze
Abstract
Karin Fischer
Neoliberale Transformation in Chile
Zur Rolle der ökonomischen und intellektuellen Eliten
Abstract
Dieter Plehwe
Neoliberale Ideen aus der nationalen Peripherie ins Zentrum gerückt:
Der Fall Mexiko
Abstract
Nora Sausmikat
Die Intellektuellen und der Staat:
Neue Diskursstrategien zu Demokratisierung und politischer Reform in der Volksrepublik China
Abstract
Issa G. Shivji
From Liberation to Liberalization
Intellectual discourses at the University of Dar es Salaam, Tanzania
Abstract
Abstracts
Bernhard Walpen
NEOLIBERALE WISSENSPRODUKTION IN TAIWAN:
Eine erste Problemskizze
Der Autor setzt sich mit transnationalen Elitenetzwerken und ihren ideologischen Apparaten auseinander und thematisiert die Bedeutung neoliberalen sozialwissenschaftlichen und politischen Wissens für den Aufstieg des Neoliberalismus. Gestützt auf Gramscis Untersuchungen zu Hegemonie und Zivilgesellschaft wird am Beispiel Taiwan dargelegt, wie dort ab den 1950er Jahren die Ausbreitung neoliberalen Wissens erfolgte. Dabei liegt der Fokus auf den bislang wenig beachteten Intellektuellen, die in transnationalen Netzwerken wie der Mont Pèlerin Society (MPS) und/oder in Think Tanks und Stiftungen aktiv sind. Die Wirkungsweise einzelner MPS-Mitglieder und ein einflussreicher neoliberaler Think Tank Taiwans werden analysiert. Es wird beispielhaft gezeigt, wie transnational geteilte und dominante ökonomische Lehrmeinungen über neoliberale Think Tanks in den taiwanesischen Kontext eingeführt wurden.
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Karin Fischer
NEOLIBERALE TRANSFORMATION IN CHILE
Zur Rolle der ökonomischen und intellektuellen Eliten
Der Beitrag behandelt die neoliberale Transformation in Chile, wobei zum einen die gewaltsame Umstrukturierung im Gefolge des Militärputsches 1973 und zum anderen die anhaltende Wirkungsmacht neoliberaler Hegemonie in der chilenischen Gesellschaft untersucht wird. Um die breite Unterstützung für die autoritäre Modernisierung zu begründen, wird in einem ersten Schritt die Entwicklung der chilenischen Wirtschaftseliten, die bis weit in die Mittelschichten hinein die soziale Basis des Regimes bildeten, seit den 1930er Jahren nachgezeichnet. In einem zweiten Schritt wird gezeigt, auf welche Weise Staatsführung, marktradikale Intellektuelle und Technokraten (im Verbund mit Medien) zusammenwirkten, um die Gesellschaft systematisch marktförmig zu machen. Die Entfaltung eines machtvollen neoliberalen Diskurses hatte zusammen mit konkreter Interessenorganisation und der Etablierung und institutionellen Absicherung einer neoliberal orientierten ökonomischen Expertokratie wesentlichen Anteil daran, das "neoliberale Gründungsprojekt" in Ökonomie und Gesellschaft zu konservieren.
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Dieter Plehwe
NEOLIBERALE IDEEN AUS DER PERIPHERIE INS ZENTRUM GERÜCKT:
Der Fall Mexiko
Die radikale Öffnung der mexikanischen Ökonomie im Zuge des GATT-Beitritts und der Gründung der Nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA wurde bereits unter der Führung der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) eingeleitet. Die seit dem Jahr 2000 regierende pro-amerikanische Wirtschaftspartei Partei PAN (Partei der nationalen Aktion) und Präsident Vicente Fox treiben die neoliberale Deregulierungspolitik und Außenöffnung gegenüber den USA weiter voran. Der Autor prüft den vordergründig feststellbaren Mangel an neoliberalen Akteuren, die für die Wende in der entwicklungsstrategischen Ausrichtung - Mexiko hatte lange Zeit eine importsubstituierende Entwicklung verfolgt - hin zu einem import- und exportorientierten Modell verantwortlich sind. Bei genauerer Analyse lassen sich indes eine Reihe von neoliberalen Kräften in der mexikanischen Gesellschaft verorten. Das Wirken älterer Netzwerke von Neoliberalen werden dargestellt, um ein detaillierteres Panorama von neoliberalen Netzwerken zu schildern, die sich im Laufe der 1980er und 1990er Jahre herausgebildet haben (private Think Tanks mit Verbindungen sowohl zur PRI als auch zur PAN sowie in die USA). Neoliberale Politikstrategien rückten unter anderem auch aufgrund der Arbeit dieser Netzwerke von der Peripherie ins Zentrum der mexikanischen Politik. Weitere radikale Veränderungen unter der Führung der PAN sind unterdessen unwahrscheinlich, weil die große Wende hin zu einem neoliberalen Umbau der Wirtschaftsstrukturen bereits unter der Herrschaft der PRI vorgenommen worden ist.
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Nora Sauskimat
DIE INTELLEKTUELLEN UND DER STAAT:
Neue Diskursstrategien zu Demokratisierung und Reform in der Volksrepublik China
Während der politischen Transformationen in Ost- und Südostasien fanden unter den Intellektuellen der betreffenden Länder intensive Debatten über politische Reformkonzepte statt. Wie auch im Falle von Ost- und Zentraleuropa wurden bei der Analyse der Transformationsprozesse diese Debatten und die Rolle der Intellektuellen als eine wichtige meinungsbildende Gruppe kaum beachtet. Ziel des Beitrages ist es, am Beispiel China die unterschiedlichen politischen Denkschulen (in Bezug auf politische Reform und Demokratie) darzustellen und die Diskursstrategien der chinesischen Intellektuellen zu analysieren. Die Autorin konzentriert sich hierbei auf die Beziehungen zwischen politischen Ideen oder Konzepten und der Position des Einzelnen oder der Gruppe und analysiert die gesellschaftspolitischen Interessen, die hinter den jeweiligen Positionen stehen.
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Issa G. Shivji
FROM LIBERATION TO LIBERALIZATION
Intellectual Discurses at the University of Dar es Salaam, Tanzania
Der Aufsatz widmet sich der Rolle der Ideen und der Intellektuellen in der Gesellschaft. Dabei werden die intellektuellen Debatten der 1960er und 1970er Jahre den aktuellen Diskursen gegenübergestellt. Die afrikanischen Denker des ,,Goldenen Zeitalters" der antikolonialen Kämpfe und weltweiten Aufbruchsbewegungen werden als organische Intellektuelle vorgestellt, die mit ihren Konzepten die theoretischen Grundlagen für diese Bewegungen aufbereiteten. Die Universität von Dar es Salaam spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Veränderung intellektueller Diskurse wird symbolisch an der Periode des Vietnamkrieges (1965-1975) und des Golfkrieges (1991-2001) festgemacht. Auch in letzterer spielen intellektuelle Diskurse eine wesentliche Rolle, diesmal jedoch in einer legitimierenden Form im Sinne jener Kräfte, die den Globalisierungsprozess unter neoliberalen Vorzeichen vorantreiben.