JEP 3/2003
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Ausgabe 2003/3:
Drei Jahrzehnte Neoliberalismus in Lateinamerika

Einleitung
Inhaltsverzeichnis und Abstracts


JEP AUSGABE
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Schwerpunktredaktion: Joachim Becker, Karin Fischer, Johannes Jäger

Einleitung

Das Titelbild des vorliegendes Heftes verweist auf das erste Experimentierfeld neoliberaler Wirtschaftspolitik: Fünf Jahre vor dem Regierungsantritt von Margret Thatcher führte das Pinochet-Regime mit einem monetaristischen Schockprogramm einen Bruch mit den politischen und institutionellen Arrangements der vorangegangenen Jahrzehnte durch und leitete in der Folge eine marktradikale Transformation ein . Die radikale Öffnung der chilenischen Ökonomie für Exporte und Importe wurde begleitet von Reallohnsenkungen, einer Kürzung der Staatsausgaben und weitreichenden Privatisierungsmaßnahmen des öffentlichen Eigentums bis hin zum Gesundheits-, Bildungs- und Versicherungsbereich. Chile kann damit als Pilotprojekt für den neuen Liberalismus nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in den westlichen Industrieländern und im postsowjetischen Osten gelten. Die kontinentale Wende zum Neoliberalismus wurde schließlich im Gefolge der Schuldenkrise vollzogen, und zwar von sehr unterschiedlichen Regierungen und mit jeweils lokalen Besonderheiten was Verlaufsformen und Konfliktpotenziale betrifft.

Das Heft behandelt grundlegende Charakteristika des neuen Ordnungsmodells und versammelt ausgewählte Länderbeispiele gleichermaßen, wobei nicht nur Erfahrungen mit neoliberalen Entwicklungspfaden diskutiert werden, sondern auch Ansätze, die darüber hinausweisen. Am Beginn steht ein Beitrag der Schwerpunktredakteure Becker/Fischer/Jäger , in dem die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Transformationsprozesse in Lateinamerika im Überblick skizziert werden. Daran anschließend stellt Herbert Schui die Entstehung des Neoliberalismus in den Zusammenhang kapitalistischer Entwicklungsetappen und arbeitet in der Folge die zentralen Lehrsätze seiner wirtschafts wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Programmatik heraus. Karen Imhof beschäftigt sich in ihrem Artikel mit dem Zusammenhang zwischen Finanzkrisen und neoliberaler Wirtschaftspolitik und arbeitet am Beispiel Mexikos, Brasiliens und Argentiniens die Widersprüche innerhalb des neoliberalen Modells heraus. Die theoretischen Prämissen und Rezepte, die die Weltbank nach dem offenkundigen Scheitern neoliberaler Orthodoxie ab den 1990er Jahren für den erfolgreichen Übergang von "state led" zu "market led-development" anbietet, werden im Beitrag von Oliver Schwank analysiert. Jede Bilanz des Neoliberalismus kann nur eine vorläufige sein, das verdeutlichen die letzten beiden Beiträge in diesem Heft. Bernhard Leubolt zeigt am Beispiel der Demokratisierung der Wirtschaftspolitik im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul mögliche Alternativen zur neoliberalen Hegemonie auf, Ana Vilker kontrastiert die Geschichte des wirtschaftspolitischen Bankrotts und Staatsverfalls in Argentinien mit dem Entwicklungsweg, den Venezuela unter Hugo Chávez eingeschlagen hat. Die Beispiele zeigen: Auch wenn die Wirtschaftspolitik des Neoliberalismus angesichts fortdauernder ökonomischer Instabilität als gescheitert gelten kann, muss seine gesellschaftliche, politische und ideologische Überwindung und die Erarbeitung von Alternativen wohl weiterhin als zentrale Herausforderung gelten.

Das Journal für Entwicklungspolitik erscheint diesmal begleitend zum Interdisziplinären Lehrgang für Höhere Lateinamerika-Studien, der vom Österreichischen Lateinamerika-Institut angeboten wird. Die Themenstellung des laufenden Semesters wird in diesem Heft als Schwerpunkt behandelt ( http://www.lai.at/wissenschaft/lehre/lehrgang). Neben dieser erfreulichen Vernetzung von Forschung, Lehre und Publizistik können wir mit der aktuellen Ausgabe abermals ein Ziel des JEP einlösen, nämlich die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses: Junge W issenschaftlerinnen und Wissenschaftler - Studienabgänger oder Absolvent des Lateinamerika-Lehrgangs - finden hier die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu präsentieren.

Karin Fischer, Joachim Becker, Johannes Jäger


Inhalt

Joachim Becker, Karin Fischer, Johannes Jäger
Drei Jahrzehnte Neoliberalismus in Lateinamerika
Bilanz und Perspektiven
Abstract

Herbert Schui
Was eigentlich ist Neoliberalismus?
Abstract

Karen Imhof
Finanzkrisen und Neoliberalismus in Lateinamerika
Abstract

Oliver Schwank
Staat, Markt und Demokratisierung im Entwicklungsprozess:
Zur Neuorientierung der Weltbankpolitik in den 1990er Jahren
Abstract

Bernhard Leubolt
Demokratisierung als Alternative zum neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
Das Partizipative Budget im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul
Abstract

Ana Silvia Vilker
Argentinien und Venezuela:
Zwei unterschiedliche Wege in Zeiten des Neoliberalismus
Abstract

 

Abstracts

Joachim Becker, Karin Fischer, Johannes Jäger
Drei Jahrzehnte Neoliberalismus in Lateinamerika
Bilanz und Perspektiven

To give a review of the economic, social and political transformations that took place during the past three decades in Latin America is the central aim of the article. In a first step, two fundamental modes of liberal economic strategy – the “financiarized” and the export oriented model of development – are distinguished. The implementation in different countries and stages of neo-liberal restructuring is subsequently analysed. Secondly, the authors describe the general and concrete political circumstances that were decisive factors in implementing neo-liberal structural reforms. In the face of the bad economic performance of neo-liberal economic policy – briefly scrutinized on the basis of macro-economic data – the political aftermath is discussed: the different modes of maintaining political acceptance on the part of national elites as well as resistance movements that emerged out of the cleavages and breakings provoked by the neo-liberal model of development.

Ziel des Beitrags ist es, einen Überblick über die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Transformationsprozesse am lateinamerikanischen Kontinent zu geben. In einem ersten Schritt wird zwischen zwei Grundmodellen liberaler Wirtschaftspolitik, dem „finanziarisierten“ und dem exportorientierten Modell, unterschieden und deren Anwendung und Verlauf am Beispiel einiger Länder nachgezeichnet. Im Anschluss daran erfolgt eine Darstellung der allgemeinen und konkreten politischen Bedingungen, die für den entwicklungsstrategischen Richtungswechsel verantwortlich waren. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Performance neoliberaler Restrukturierung, skizziert anhand makroökonomischer Daten, werden im abschließenden Teil die unterschiedlichen Formen von Akzeptanzgewinnung seitens der Eliten analysiert sowie die Gegenbewegungen, die in den letzten Jahren aus den Brüchen des neoliberalen Modells in jeweils unterschiedlichen (nationalen) Kontexten erwachsen sind.

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Herbert Schui
Was eigentlich ist Neoliberalismus?

In the context of a introductive analysis of the developmental stages of capitalism author explaines the theoretical and political meaning of underconsumption. He points out that external factors and the functioning of the both the social state and the developmental state worked together to create a precarious situation that could not be solved by the way these state forms functioned. Hence neoliberalism and the correspondent distribution policy was established as a leading developmental ideology in opposition to keynesianism. The author describes the main postulates of its scientific and social programme such as the theory of collective decision finding, the construction of a barter society and the methodological individualism in which the individual is seen as the most important base of reference of society. The author concludes that neoliberal theories and social policy aim at establishing the autonomy of the capitalist class and therefore release capitalism from the obligation of creating general welfare.

Im Rahmen einer einleitenden Ausführung über die Entwicklungsetappen des Kapitalismus erläutert der Autor die theoretische und politische Bedeutung von Unterkonsumtion. So wird herausgearbeitet, dass der sozialstaatliche Reformismus und der Entwicklungsstaat aus Gründen, die in ihrer Funktionsweise angelegt waren, sowie aus externen Gründen in eine prekäre Lage gekommen sind, die sie nicht lösen konnten. Mit der Aufgabe einer entsprechenden Verteilungspolitik als politische Lösung wurde die Gegenposition zur keynesianischen Theorie, der Neoliberalismus, zum vorherrschenden Interpretationsmuster. Der Autor beschreibt in der Folge die zentralen Postulate seiner wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Programmatik, wie die Theorie der kollektiven Entscheidungen, die Konstruktion einer reinen Tauschgesellschaft und den methodischen Individualismus, der im Individuum die primäre Bezugsgröße von Gesellschaftlichkeit findet. Neoliberale Theorie und Gesellschaftspolitik, so die Schlussfolgerung des Autors, hat damit zum Ziel, die Autonomie der Kapitalisten herzustellen und entbindet den Kapitalismus von der Verpflichtung, allgemeine Wohlfahrt zu gewährleisten.

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Karen Imhof
Finanzkrisen und Neoliberalismus in Lateinamerika

The following article analyses the relationship between financial crisis and neoliberal economic policy in Latin America since the early 1980s. In a first step it is shown that national and international factors correlated and ultimately fostered the establishment of neo-liberal policy pattern especially in and after the crisis. The experiences of three Latin American countries, Mexico, Brasil and Argentine not only show the connection between financial crisis and the establishment of neo- liberal policies but also the discrepancies within the neoliberal development model itself. Fixed exchange rates and high interest rates helped to reduce inflation in the short run but the long term concentration on these measurements lead to high deficits in the balance of trade and the budget and therefore aggrevated the crisis situation further. In this sense the ultimate aim of structual adjustment programmes was not to restore the economic stability of the effected countries but to force these countries to introduce investor friendly policies in order to absorp the excess liquidity that had built up in the core countries.

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Finanzkrisen und neoliberaler Wirtschaftspolitik in Lateinamerika seit den frühen 1980er Jahren. Zunächst wird auf das Zusammenspiel nationaler und internationaler Faktoren und Akteure eingegangen, die die Etablierung neoliberaler Politikmuster in Lateinamerika begünstigten und nach den Krisen weiter verschärften. Um die Beziehung zwischen dem neoliberalen Entwicklungsmodells und den sich häufenden (Finanz)Krisen zu verdeutlichen, wird auf die Erfahrungen Mexikos, Brasiliens und Argentiniens und die Widersprüche innerhalb des neoliberalen Modells hingewiesen. In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass die einseitige Konzentration des Krisenmanagements auf Währungsfixierung und Hochzinspolitik maximal eine kurzfristige Inflationsreduktion bewirkte, langfristig aber sowohl die Handelsbilanz als auch das Staatsbudget schwer belastete und so zu weiterer Verschuldungs- und Krisenanfälligkeit beitrug. In diesem Sinn liegt der Schluss nahe, dass das Ziel der anlegerfreundlichen Politik, die durch die Strukturanpassungsprogramme festgesetzt wurde, weniger die wirtschaftliche Gesundung der jeweiligen Länder war, sonder vielmehr in der Absorption von überschüssiger Liquidität der Zentrumsstaaten lag.

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Oliver Schwank
Staat, Markt und Demokratisierung im Entwicklungsprozess:
Zur Neuorientierung der Weltbankpolitik in den 1990er Jahren

This article sums up and evaluates the new strategy of the World Bank in the 1990´s. It first analyses the Washington Consensus and the critical reactions to this strategy in regards to the ongoing crisis of developing countries. One theoretical answer that offered a way out of the crisis was the New Institutional Economics (NIE). The NIE states that institutions are the most important prerequisite for long term economic development and attributes more attention to the state as a provider of institutions. In reaction to the criticism of the Washington Consensus the World Bank used the theoretical findings of the NIE to formulate a new policy. The article reviews the World Banks new developmental policy and concludes that it does not imply a fundamental turnover in strategy. Rather the macroeconmic reforms of the Washington Consensus have been accompanied by institutional reforms.

In diesem Artikel wird die Änderung der Weltbankpolitik in den 1990er Jahren synthetisch dargestellt und bewertet. Dazu wird zunächst auf den Washington Konsens und die Kritik daran eingegangen. Eine theoretische Antwort auf diese Kritik war der Neue Institutionalismus, der im methodologischen Rahmen der Neoklassik die Bedeutung der Institutionen für langfristige Entwicklung betonte. Die Weltbank griff diese Erkenntnisse auf und formulierte eine neue Strategie, die die Wichtigkeit der Institutionen und damit auch des Staates, der die Institutionen zu einem großen Teil bereitstellt, hervorstrich. Allerdings ist damit keine grundsätzliche Abkehr von der früheren neoliberalen Politik verbunden. Die Ausrichtung der makroökonomischen Reformen wird nicht in Frage gestellt, sondern um eine institutionelle Seite ergänzt. Damit bleibt auch der effiziente Staat weiterhin ein minimaler Staat.

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Bernhard Leubolt
Demokratisierung als Alternative zum neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
Das Partizipative Budget im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul

In Rio Grande do Sul wurde während der Regierung der Arbeiterpartei (PT) von 1999 bis 2002 die Demokratisierung des Bundesstaats in Angriff genommen. Durch die Teilhabe am Budget wurden die BürgerInnen im öffentlichen Raum politisiert. Dadurch sollten mögliche Alternativen zur neoliberalen Hegemonie aufgezeigt und spürbar werden. Im Artikel werden nach kurzer kon-zeptueller Übersicht die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen des Bundesstaats Rio Grande do Sul dargestellt. Davon ausgehend wird die Institutionalisierung des Partizipativen Budgets beschrieben, die zur Entstehung einer Techno-Demokratie führen sollte. In der Folge werden die Konflikte und Errungenschaften der PT-Regierung in Rio Grande do Sul beschrieben, die eine demokratisch gestaltete endogene Entwicklung ermöglichen sollten.

During its period of government 1999-2002 the Worker’s Party (PT) tackled the democratization of the state in Rio Grande do Sul. By participating in the construction of the public budget citizens became politicized inside the public sphere. In doing this they were made aware of possible alternatives to the neoliberal hegemony. After a short conceptual overview the socio-economic conditions of Rio Grande do Sul will be analyzed. Based on this, an analysis of the institutionalization of the Participative Budget which led to the formation of a techno-democracy is done. Furthermore, the conflicts and achievements of the PT-government in Rio Grande do Sul are described. These processes enabled the formation of a democratically shaped endogenous development.

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Ana Silvia Vilker
Argentinien und Venezuela:
Zwei unterschiedliche Wege in Zeiten des Neoliberalismus

The ways in which Argentina and Venezuela are developing can be regarded as exemplary for different development models within the current political and economic situation: In Argentina the austere application of neo-liberal policy led to a severe economic crises, whereas Venezuela tries to follow an alternative path of national development, under the aegis of the so called Bolivarian revolution and president Hugo Chávez. The author describes political developments of both countries during the 1970s and 1980s and analyses decisive measures that have been taken. In the case of Argentina, the macro-economic and social data suggest that the ongoing adherence of neo-liberal policy is responsible for the crisis. On the other hand, the position and the success of the Bolivian model is still uncertain due to political reasons.

Argentinien und Venezuela können in der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Konjunktur als Musterbeispiele für höchst unterschiedliche Entwicklungswege gelten: Argentinien ist nach der orthodoxen Anwendung neoliberaler Rezepte in eine schwere und andauernde wirtschaftliche Krise gesteuert, Venezuela versucht mit der sogenannten bolivarianischen Revolution unter Präsident Hugo Chávez alternative Wege zu beschreiten. In dem Beitrag werden die politischen Entwicklungen der beiden Länder seit den 1970er Jahren beschrieben und zentrale Weichenstellungen analysiert. Während die makroökonomischen Daten und die soziale Lage in Argentinien den Schluss zulassen, dass die im vergangenen Vierteljahrhundert angewandte neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik für die Krise verantwortlich zu machen ist, muss der Erfolg des in Bolivien verfolgten Entwicklungsmodells aus politischen Gründen als unsicher eingeschätzt werden.

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