


Schwerpunktredaktion: Gerald Faschingeder und Atiye Zauner
Diese Nummer des Journals für Entwicklungspolitik stellt eine grundlegende wissenschaftstheoretische Frage: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von entwicklungsbezogener Forschung? Dieses JEP umfasst Texte junger WissenschafterInnen, die am Call for Papers zum Forum der JungforscherInnen bei der Zweiten Gesamtösterreichischen Entwicklungstagung im Dezember 2003 in Graz teilgenommen haben. Ihre Arbeiten wurden von einer dreiköpfigen Jury ausgewählt und von den AutorInnen auf der Tagung selbst präsentiert. Hier werden sie in voller Länge und leicht überarbeitetet einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Die Entwicklungstagung stand unter dem Motto "Globalisierung ent-wickeln", dieses wurde auch als einzige thematische Orientierung den JungforscherInnen zur Vorgabe gemacht.
Gerald Faschingeder, Atiye Zauner:
Junge Zugänge?
Zu den Rahmenbedingungen entwicklungsbezogener Forschung.
Abstract Volltext
Viktória Gy. Duda:
Globale Patentrechte an Pflanzen
Abstract
Philipp Budka:
Indigener Widerstand im Kontext der Globalisierung und Informations- und Kommunikationstechnologien.
Das Fallbeispiel Mexiko.
Abstract
Ingrid Pranger:
Globalisierung und informeller Sektor
Abstract
Kaan Tasli:
The Empowerment Approach and the Women and Development Discourse
Abstract
Julia Kloess:
Auswirkungen der Dezentralisierung auf das Empowerment von Frauen
Case Study Uganda
Abstract
Patricia Reiter:
Participatory Budget in Porto Alegre:
A Tool for Economic Empowerment of the Poor?
Abstract
Bernhard Leubold:
Glokalisierungsdispositiv und radikaler Reformismus
Praktische Lehren aus Brasilien
Abstract
Abstracts
Gerald Faschingeder, Atiye Zauner:
Junge Zugänge?
Zu den Rahmenbedingungen entwicklungsbezogener Forschung.
Which conditions are conducive to development research? With regard to the contributions of seven young researchers printed in this journal, the article follows this question. Firstly, the situation of development-related research in north and south in times of "globalization" is briefly described. Subsequently, the general framework of development-related research in Austria is outlined. Criticism and dialectic are proposed as central terms which inevitably mark development-effective research. Knowledge is never neutral, but always part of a structure of power-knowledge. Therefore development-related scientific knowledge must be measured by the question whom it serves.
Welche Bedingungen ermöglichen entwicklungspolitische Forschung? Dieser Frage wird mit Blick auf die Beiträge von sieben jungen ForscherInnen nachgegangen, die in diesem JEP abgedruckt wurden. Zunächst wird dazu die Situation entwicklungsbezogener Wissenschaft und Forschung in Nord und Süd in den Zeiten der "Globalisierung" kursorisch umrissen, ehe die Rahmenbedingungen entwicklungsbezogener Forschung in Österreich dargestellt werden. Zuletzt werden Kritik und Dialektik als zentrale Begriffe vorgeschlagen, die eine entwicklungswirksame Forschung notwendig kennzeichnen. Wissen ist niemals neutral, sondern immer Teil einer Struktur des Macht-Wissens. Daher muss sich entwicklungsbezogenes wissenschaftliches Wissen daran messen, wem es dient.
Viktória Gy. Duda:
Globale Patentrechte an Pflanzen
Legal regimes protect person-, product-, and progress-specific biological knowledge through intellectual property rights, and thereby largely meet the needs of the modern life science industries. However, at the same time, traditional (collective) knowledge developed through centuries by a group of people often remains not only unprotected but even threatened by patents. This unbalanced system threatens many crucial goals of development policy, like safety of food and health care supply, environmental protection, and preservation of biological and cultural diversity. Remedy could come from a legal regime designed specifically for the protection of traditional knowledge.
Exklusive Rechte - insb. Patentrechte – an Pflanzen gewähren genau den Rechtsschutz, der von den modernen life science industries in Hinblick auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit biotechnologischer Entwicklungen erwünscht wird. Im Gegensatz dazu bietet das gegenwärtige System jedoch kaum Schutz für traditionelles (kollektives) Wissen. Durch diese Unbalanciertheit besteht akute Gefahr für eine Reihe entwicklungspolitischer Zielsetzungen, wie für die Lebensmittel- und medizinische Versorgung, globalen Umweltschutz bzw. die Erhaltung der biologischen und kulturellen Vielfalt. Rechtlich kommt als Abhilfe ein geeigneter Schutzmechanismus für traditionelles Wissen in Betracht, dessen Ausgestaltung sich zur Zeit in der Anfangsphase befindet.
Philipp Budka:
Indigener Widerstand im Kontext der Globalisierung und Informations- und Kommunikationstechnologien.
Das Fallbeispiel Mexiko.
One of the first indigenous resistance movements that realised the potential of global disseminated information and communication technologies (ICTs) was the EZLN in Mexico. This paper analyses the use of ICTs by the EZLN and its supportive non-governmental organisations and the presence of the movement on the Internet. Based on Arjun Appadurais concept of „landscapes“, the paper identifies transnational electronic solidarityscapes. These electronic solidarityscapes provided a „counter public“ to the then state-owned media, which greatly influenced the relationship between the indigenous resistance movement and the Mexican government.
Eine der ersten indigenen Bewegungen, die das Potential global distribuierter Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs) – wie dem Internet – erkannte, war die EZLN, eine Widerstandsbewegung aus Chiapas, Mexiko. In diesem Aufsatz wird die Nutzung der IKTs durch die EZLN und die sie unterstützenden Nichtregierungsorganisationen ebenso analysiert, wie die Präsenz der Bewegung im Internet. Angelehnt an das Konzept der „landscapes“ von Arjun Appadurai lassen sich im Fall der EZLN transnationale elektronische Solidaritätslandschaften konstatieren. Diese setzten der damals regierungsabhängigen Medienlandschaft Mexikos eine mediale Öffentlichkeit entgegen, welche die Beziehungen zwischen indigener Widerstandsbewegung und Regierung maßgeblich beeinflusste.
Ingrid Pranger:
Globalisierung und informeller Sektor
The informal sector is an integral part of the economies of developing countries. The sector is characterised by an enormous heterogeneity despite several universally valid facets of informality. In the past decades the informal sector has grown in all parts of the developing world. This has many reasons, but connects substantially to the increasing deregulation and liberalisation of the global economy. Globalisation tends to result in a deterioration of work relations and circumstances for the informal labour force. The insufficient grade of organisation within the informal sector is one of the main obstacles with regards to any improvement of the work environment, for example through negotiating work contracts or social rights and protection.
Der informelle Sektor ist ein integraler Bestandteil der Ökonomien von Entwicklungsländern. Trotz einzelner, allgemein gültiger Charakteristika von Informalität zeichnet sich der Sektor durch große Heterogenität aus. In den vergangenen Jahrzehnten ist der informelle Sektor in allen Entwicklungsländern zum Teil stark gewachsen. Dies hat zahlreiche Gründe, hängt aber wesentlich mit der zunehmenden Deregulierung und Liberalisierung der globalen Wirtschaft zusammen. Für die im informellen Sektor Beschäftigten bedeutet Globalisierung tendenziell eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbeziehungen und –umstände. Der unzureichende Organisationsgrad innerhalb des informellen Sektors ist eine der größten Hürden im Bezug auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, beispielsweise durch die Verhandlung von Arbeitsverträgen oder sozialen Rechten.
Kaan Tasli:
The Empowerment Approach and the Women and Development Discourse
The Women and Development discourse has been experiencing a continuous shift in its policy approaches from the 1950s onwards. Empowerment, which is the most recent approach, can be considered as a critical response to the earlier ones. Experiences with the earlier approaches, particularly those of Third World women, contributed significantly to the development of the Empowerment approach. A discussion that starts with the evaluation of the earlier approaches would help to better understand the rationales of Empowerment. In the case of past failures, this would help to avoid repeating them. And, in the case of past achievements, we can seek convergence points between Empowerment and the earlier approaches, which could be useful when working in the framework of the Empowerment approach.
Seit Anfang der 1950er Jahren können immer wieder Veränderungen in den Ansätzen des Frauen-und-Entwicklung-Diskurses beobachtet werden. Der neueste Ansatz des Diskurses, nämlich der Empowerment-Ansatz, kann als eine Kritik an den früheren Ansätze betrachtet werden. Bei der Entwicklung dieses Ansatzes haben Erfahrungen mit den früheren Ansätzen, besonders Erfahrungen von Dritte-Welt-Frauen, eine wichtige Rolle gespielt. Eine Diskussion über Empowerment, die eine Evaluation der früheren Ansätze einbezieht, kann ein besseres Verständnis dieses Ansatzes liefern. Eine solche Diskussion könnte auch dazu beitragen, dass die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. Und, im Hinblick auf jenes, was auch früher gelungen war, könnte man Überschneidungen zwischen Empowerment und den früheren Ansätzen suchen, die sehr nützlich sein können, wenn man im Rahmen des Empowerment-Ansatzes arbeitet.
Julia Kloess:
Auswirkungen der Dezentralisierung auf das Empowerment von Frauen
Case Study Uganda
In her article „Decentralisation and women’s empowerment“, Julia Kloess tries to answer the question if decentralisation in developing countries creates an appropriate "enabling environment" for women’s empowerment. Can women in those countries participate in a process of institutional change like decentralisation or do traditional power structures in society prevent them from doing so? Using the methodological framework of the empowerment-approach, the author analyses the case of Uganda to answer this question.
Im Beitrag „Dezentralisierung und Empowerment von Frauen“ wird am Beispiel Ugandas der Frage nachgegangen, ob Dezentralisierung in Entwicklungsländern ein entsprechendes „enabling environment“ für das Empowerment von Frauen schafft. Können Frauen vom institutionellen Wandel, wie ihn die Dezentralisierung darstellt, profitieren, oder werden sie vom lokalen Machtzuwachs aufgrund vorherrschender Gesellschaftsstrukturen ausgeschlossen? Anhand des Empowerment-Ansatzes und dem entsprechenden methodischen Werkzeug versucht der Beitrag Antwort auf die Frage nach dem Gender-Aspekt von Dezentralisierung zu geben.
Patricia Reiter:
Participatory Budget in Porto Alegre:
A Tool for Economic Empowerment of the Poor?
The article tackles the innovative character of participatory budgeting, as it was established in Porto Alegre (Brazil) in 1989, with special regards to its redistributive ability and its potential to repeat itself in other cities. While providing a concise description of the institutional set-up of the participatory budgeting process, it gives evidence that under certain conditions it can serve as a strong tool for the distribution of public resources to the urban poor.
Der Artikel behandelt die partizipative Budgetpolitik, die 1989 in Porto Alegre (Brasilien) eingeführt wurde, mit besonderem Augenmerk auf ihre umverteilende Wirkung und ihre mögliche Wiederholbarkeit in anderen Städten. Die politischen Rahmenbedingungen sowie der institutionelle Aufbau werden genauer untersucht. Unter gewissen Voraussetzungen gelingt es durch die partizipative Budgetpolitik öffentliche Ausgaben redistributiv zum primären Nutzen benachteiligter städtischer Bevölkerungsschichten einzusetzen.
Bernhard Leubold:
Glokalisierungsdispositiv und radikaler Reformismus
Praktische Lehren aus Brasilien
The following article analyses the political leeway for maneuvers in the “age of globalization”. In the first chapter, structures and their production will be presented on a theoretical basis, using dispositives as conditions for action, both enabling and limiting . Globalization is described as a structural condition as well as a discursive strategy to legitimize “inhererent necessities”. The concluding chapter will point out that submission to the “inherent necessities of globalization” is not unavoidable. Drawing on the cases of the local governments in Porto Alegre and Rio Grande do Sul, radical reformism is introduced as an alternative.
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit politischen Gestaltungsspielräumen im „Zeitalter der Globalisierung“. Im ersten Kapitel werden auf theoretischer Basis Strukturen und deren Produktion mit Hilfe von Dispositiven als handlungsermöglichende und -beschränkende Bedingungen vorgestellt. Globalisierung wird im zweiten Kapitel sowohl als strukturelle Bedingung beschrieben wie auch als diskursive Strategie, um „Sachzwänge“ rechtzufertigen. Im abschließenden Kapitel wird gezeigt, dass die Unterwerfung unter die „Sachzwänge der Globalisierung“ nicht unvermeidbar ist. Ausgehend von den Fallbeispielen der Lokalregierungen in Porto Alegre und Rio Grande do Sul wird radikaler Reformismus als Alternative vorgestellt.