Schwerpunktredaktion: Gerald Faschingeder
Diese Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik geht von der weiterhin gar nicht selbstverständlichen Sichtweise aus, dass Kultur und Entwicklung miteinander zu tun haben. Alles ist kültürlich und alles entwickelt sich, so könnte ein Resümee der Kultur + Entwicklungs-Debatte lauten, die nun schon seit mehreren Jahrzehnten läuft. Um dem dialektischen Verhältnis der zwei schwierigen Begriffe Kultur und Entwicklung gerecht zu werden, kann das Konzept des Polylogs hilfreich sein. Der Poylog lässt die Vielfalt der Perspektiven auf Entwicklung zur Geltung kommen.
Dieses JEP stellt die Frage, ob Kunst ein besonderes Terrain für einen solchen Polylog darstellt. Kunst ermöglicht es, Anschauungen und Bedeutungen zur Debatte zu stellen, ins Gegenteil zu verkehren, neue Sinnhorizonte zu eröffnen. Wie ästhetisch, wie künstlerisch, und, vor allem: Wie politisch aber darf Kunst am Feld der Entwicklung sein?
Gerald Faschingeder
Editorial
Franz Martin Wimmer
Überlegungen zur Frage nach Maßstäben kultureller Entwicklung
Abstract
Tina Prokop & Ina Ivanceanu
Kunst Macht Raum.
Migrantische Kunst oder Kunst jenseits von fixen Zugehörigkeiten?
Abstract
Monika Mokre
Politische Kunst zwischen Autonomie und Relevanz
Abstract
Gerald Faschingeder
Konfliktzone Theater.
Überlegungen zur (entwicklungs-) politischen Bedeutung des Theaters
Abstract
Dokumentation
Übersicht: Projekte kulturell besonders relevanter/sensibler Zusammenarbeit in den Schwerpunktregionen der OEZA 2001
(Anmerkung: Dieses Dokument hat leider nicht den Weg in die Druckausgabe gefunden und wird daher in der Vollversion als pdf hier online zugänglich gemacht.)
Abstracts
Franz Martin Wimmer
Überlegungen zur Frage nach Maßstäben kultureller Entwicklung
What has developed or has been developed is generally considered to be better or more perfect. Does this also apply to cultural developments? This article discusses the concept of cultural development, as well as the proposal of establishing intercultural dialogues in philosophy and art. Transitions from perceived difference to claimed deficiency and relations between cultures are discussed, - exclusivist, egalitarist, complementary - and the strategies thence deriving: expansive, integrative, separative, and tentative centrism. Presumptions of superiority and completeness, of maturity and competence are at work, as well as those of the inevitable coming-about of a culture. The question remains: can science yield a definitive answer or are polyloguous procedures the better way?
Was sich entwickelt hat oder entwickelt wurde, gilt allgemein als vollkommener oder besser. Trifft das auch für kulturelle Entwicklung zu? In diesem Beitrag werden der Begriff einer "Kulturentwicklung" sowie der Vorschlag, interkulturelle Dialoge in Philosophie und Kunst zu etablieren diskutiert. Übergänge von wahrgenommener Differenz zu behaupteter Defizienz und Verhältnisse zwischen Kulturen - exklusivistisch, egalitaristisch, komplementär - und die daraus folgenden Strategien werden vorgestellt: expansiver, integrativer, separativer und tentativer Zentrismus. Annahmen von Superiorität und Komplettheit, von Maturität und Kompetenz sowie vom zwangsläufi gen Zustandekommen einer Kultur sind wirksam. Die Frage bleibt: Kann Wissenschaft eine endgültige Antwort geben oder sind polylogische Verfahren der bessere Weg?
Tina Prokop & Ina Ivanceanu
Kunst Macht Raum.
Migrantische Kunst oder Kunst jenseits von fixen Zugehörigkeiten?
The article analyses hegemonic concepts of culture and identity within the area of arts and culture and examines strategies of resistance against exclusions conditional upon national, geographic or cultural attributions. Embedded into the theories on space, culture and difference developed by representatives of Cultural Studies, Postcolonial Studies, Social and Cultural Anthropology and Feminist Research, the article focuses on three examples: the slow dissolution of the construction “Africa” that had for a long time served the global art market as an instrument of attribution; the current advent of the allegedly culturally determined space “Balkan”; and the work of MAIZ, the “Autonomous Integration Centre of and for Women Migrants” in Linz, Austria, whose activists strike back on the various mechanisms of exclusions within the Austrian arts and culture scene by using a contemporary form of “cannibalism”.
Der Artikel analysiert hegemoniale Kultur- und Identitätskonzepte im globalen und österreichischen Kunst- und Kulturbereich und untersucht Strategien des Widerstandes gegen national, geographisch oder kulturell bedingte Ausschlussmechanismen. Eingebettet in die Theorien der Cultural Studies, der Postcolonial Studies, der Sozial- und Kulturanthropologie und der feministischen Forschung zu Raum, Kultur und Differenz stehen drei Beispiele im Vordergrund: die langsame Aufl ösung der Konstruktion „Afrika“, die dem internationalen Kunstmarkt lange Zeit als Zuschreibungsinstrument gedient hat; das aktuelle Aufkommen eines angeblich kulturell bestimmten Raumes „Balkan“; und die Arbeit des „autonomen Integrationszentrums von & für Migrantinnen“ MAIZ in Linz, dessen Aktivistinnen sich gegen Vereinnahmungen und Ausschlussmechanismen im österreichischen Kunst- und Kulturbetrieb mit einer zeitgenössischen Form der „Menschenfresserei“ zur Wehr setzen.
Monika Mokre
Politische Kunst zwischen Autonomie und Relevanz
The article deals with the role political art can play in the context of culture and development. Its starting point is the assumption that art is a privileged place of intercultural encounter. Within this text the privileged place of the art is understood as the asserted freedom of art. It will be shown that this privilege is an ambiguous one that can also be seen as a constraint. This is why the idea of the freedom of the arts is frequently contested by contemporary artists emphasizing the social impact of the arts. As a concrete example, a political arts project from the years 2000 to 2002 shall show how artists deal with inequalities between the North and the South. Finally, some (cautious) conclusions for the relevance of the arts for an international polylog are drawn.
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle, die politische Kunst im Zusammenhang
von Kultur und Entwicklung spielen kann. Ausgangspunkt ist die
These, dass Kunst ein privilegierter Ort der interkulturellen Auseinandersetzung
ist. Der privilegierte Ort der Kunst wird im Rahmen dieses Artikels operationalisiert als die behauptete Freiheit der Kunst. Es wird gezeigt, dass dieses Privileg durchaus auch als Beschränkung verstanden werden kann, was zu einer intensiven Auseinandersetzung zeitgenössischer KünstlerInnen mit diesem Konzept geführt hat, dem die gesellschaftliche Relevanz von Kunst entgegengesetzt wird. Anhand eines politischen Kunstprojektes aus den Jahren 2000 bis 2002 wird ausgeführt, wie KünstlerInnen mit den Ungleichheiten in den Ländern des Nordens und Südens umgehen und welche (vorsichtigen) Schlüsse sich daraus für die Bedeutung der Kunst für einen internationalen Polylog ziehen lassen.
Gerald Faschingeder
Konfliktzone Theater.
Überlegungen zur (entwicklungs-) politischen Bedeutung des Theaters
This contribution questions the political potential of theatre, also in regards to development policy. The theater of the Enlightment understood itself as a moral establishment and was conceived as an educational project for the people. A different method was chosen by Brecht and others, who tried to make use of the theater as a place where people could be stimulated to govern themselves. This form of emancipatory theater existed not only in Europe, examples being the works of Wole Soyinka or Augusto Boal's "Theater of the Oppressed" and the "development theater" which evolved thereof.
In diesem Beitrag werden mehrere Antworten auf die Frage nach dem politischen und/oder entwicklungspolitischen Potenzial des Theaters vorgestellt und diskutiert. Das Theater der Aufklärung verstand sich selbst als moralische Anstalt und machte sich zum volkspädagogischen Projekt. Einen anderen Zugang wählt jener Ansatz, der mit Brecht u.a. auf das emanzipatorische Potenzial des Theaters hofft und durch dieses die Selbsterziehung des Volkes zum Regieren stimulieren möchte. Dies wird auch an außereuropäischen Theaterbeispielen wie etwas Wole Soyinkas Werken oder dem Entwicklungstheater nach Boal gezeigt. Zuletzt wird vorgeschlagen, den Begriff der Theatralität auch für alltagsbezogene Darstellungen zu öffnen und aus einer so gewonnenen Perspektive dem Dialog einen bedeutenden Platz im Theatergeschehen einzuräumen.