Schwerpunktredaktion: Leo Gabriel, René Kuppe
Diese Ausgabe stellt sich der interessanten Herausforderung, das Thema "Multikulturelle Autonomie" in Lateinamerika aus den Blickwinkeln verschiedener Forschungsrichtungen zu beleuchten. So werden die juristischen, politologischen und ökonomischen Perspektiven der Autonomiedebatte in Lateinamerika betrachtet.
In allen Beiträgen wird Fragen nach Autonomie und ethnisch legitimierter Selbstbestimmung nachgegangen.
Leo Gabriel, René Kuppe
Editorial
René Paul Amry
Das Recht auf kulturelle Identität als Schranke für das Strafrecht in Lateinamerika
Abstract
Leo Gabriel
Multikulturelle Autonomie: Ein Paradigma für partizipative Demokratie in Lateinamerika
Abstract
René Kuppe
Diskurse zur Begründung multikultureller Autonomie in Lateinamerika
Abstract
Gilberto López y Rivas
Die Autonomie der Indiovölker in Mexiko
Überlegungen zur (entwicklungs-) politischen Bedeutung des Theaters
Abstract
Robert Lessmann
Multikulturelle Autonomie und Nachhaltigkeit am Beispiel der "Gewerkschaften" der Kokabauern Boliviens
Abstract
Nicole Schabus
Freihandelsabkommen bedrohen indigene Rechte
Indigene Autonomie in den Amerikas oder Freihandel mit indigenen Rechten
Abstract
Abstracts
René Paul Amry
Das Recht auf kulturelle Identität als Schranke für das Strafrecht in Lateinamerika
Die Eroberung Lateinamerikas durch Spanien führte zu einer Überlagerung der einheimischen Rechtskultur durch die europäisch geprägte Rechtsordnung. Verhaltensweisen, die in indigenen Kulturen erlaubt sind, sind für das staatliche Strafrecht strafbar. Der Artikel zeigt auf, wie das staatliche Recht seit der Unabhängigkeit mit diesem Widerspruch umgegangen ist und welche Faktoren auf die Strafrechtspolitik Einfluss genommen haben. Abschließend wird gezeigt, dass der gegenwärtige Stand der Diskussion durch die Verfassungsreformen der 1990er Jahre obsolet geworden ist, und es werden neue Lösungsansätze diskutiert.
The Spanish conquest of Latin America led to an overlapping of the indigenous legal culture by European laws. Actions that are allowed in indigenous cultures are punished under the criminal law of the state. This article shows how, since independence, the legal systems of states have treated this contradiction and which factors have had an influence on their criminal policy. Finally, it shows that the current state of discussion has been made obsolete by constitutional reforms in the 1990s and thus, it discusses new options.
nach oben
Leo Gabriel
Multikulturelle Autonomie: Ein Paradigma für partizipative Demokratie in Lateinamerika
Angesichts der durch die moderne Globalisierung hervorgerufenen Krise des Nationalstaats haben die Indiovölker Lateinamerikas in der Praxis ihres politischen Zusammenlebens verschiedene Formen von Autonomie entwickelt: Vom Territorium der Kunas in Panama über die Atlantikküste Nicaraguas bis zu den autonomen Munizipien der Zapatisten in Chiapas, Mexiko, und dem Projekt eines „plurikulturellen und multiethnischen Staates“ bei den Indígenas von Ecuador reicht die breite Palette alternativer Gesellschaftsmodelle. Darin kündigt sich ein politischer Paradigmenwechsel an, wie es ihn seit dem Beginn der Neuzeit nicht mehr gegeben hat.
Due to the crisis of the Nation State and as the consequence of modern globalisation the indigenous peoples of Latin America have developed, through their political practice of conviviality different forms of autonomy: from the Kunas in Panama, the Atlantic Coast in Nicaragua to the autonomous municipalities of the Zapatistas in Mexico and the project of a “Pluricultural and Multiethnic State” with the indigenous people of Ecuador, reaches the broad spectrum of alternative models of society. As such, they announce the change of a political paradigm which dominated our modern times since the French Revolution.
nach oben
René Kuppe
Diskurse zur Begründung multikultureller Autonomie in Lateinamerika
Indigene Völker leiden unter drei Dimensionen an Unrechtserfahrungen: Sie sind Nachkommen der Opfer von Kolonialisierung, sie leiden unter politischer Benachteiligung und viele ihrer kulturellen Besonderheiten werden offiziell nicht anerkannt. Indigene Völker ringen heute um spezifische Rechte, durch welche diese Unrechtserfahrungen überwunden werden sollen.
Im Beitrag wird ausgeführt, wie die Anerkennung dieser Rechte in Konflikt gerät mit einigen Grundprämissen des "modernen" Verfassungsstaates: Der proklamierten Gleichheit aller Bürger, der Legitimierung des Staates durch das sogenannte Gemeinwohl und der Annahme des einheitlichen "Staatsvolkes".
Indigenous peoples experience three levels of injustice: They are the trans-generational victims of historic colonisation; they are politically disenfranchised; and their cultural diversity is not officially recognized. Indigenous peoples struggle for the recognition of their specific rights, in order to overcome the injustice they are currently experiencing.
This paper explains how the recognition of these rights conflicts with some of the basic principles of modern constitutional democracy: The declared equality of all citizens; the legitimization of the state for the common good of all; and the legal fiction of one homogenous people making up the state.
nach oben
Gilberto López y Rivas
Die Autonomie der Indiovölker in Mexiko
Das koloniale Erbe hinterließ dem mexikanischen Nationalstaat eine zerstörerische Politik der Ausgrenzung, die nahezu alle indigenen Kulturen bis zu ihrer Wurzel zu zerstören und zu versteinern suchte. Im Gegensatz dazu schafft die Autonomie der Mayas und Zapatisten nicht nur einen Freiraum zur Bildung kultureller Identitäten, sondern auch die Möglichkeit innerhalb des Nationalstaates in Mexiko völlige neue, partizipativ-demokratische Strukturen aufzubauen.
The colonial heritage left a devastating political practise of social and racial exclusion to the Mexican Nation State who sought, through centuries, to extinguish and petrify the indigenous cultures down to their very roots. In a radical opposition to this the autonomy concept of the Mayan Zapatistas has not only created the political space for the development of new cultural identities; it also has opened up the possibility to construct entirely new, participatory and democratic structures of society, withinin the framework of the Nation State.
nach oben
Robert Lessmann
Multikulturelle Autonomie und Nachhaltigkeit am Beispiel der "Gewerkschaften" der Kokabauern Boliviens
In den 1970er und 1980er Jahren setzte eine Migration in die Tropen des Departments Cochabamba ein: Angestoßen vom Zusammenbruch des Bergbaus und der Krise der Landwirtschaft im bolivianischen Hochland – und angezogen von der Attraktivität des Kokaanbaus für die illegale Kokainwirtschaft. Dabei entstand ein komplexes und dynamisches multikulturelles Universum, mit starken andinen Prägungen im tropischen Kontext. Im Widerstand gegen die Politik der Kokavernichtung wuchs die Sindicato-Bewegung der Bauern zu einer Fundamentalopposition von nationaler Dimension heran. Aus lokalen Selbstorganisationen mit De-facto-Autonomie entwickelte sich eine politisierte Autonomie des Widerstands. In Konfrontation zu dieser mündeten die Politiken der Kokavernichtung und der „Alternativen Entwicklung“ in ein Nachhaltigkeitsdesaster.
Pushed by the breakdown of the mining sector and the crisis of the traditional agriculture in the Bolivian highlands, and attracted by the lucrative production of coca leaves for the illegal cocaine economy, a migration took place in the 1970ies and 1980ies to the tropics of the Department of Cochabamba. Thereby a complex and dynamic multicultural universe unfolded, with strong Andean features in a tropical context. In resistance to the official politics of coca eradication, the sindicato-movement of the peasants emerged as a radical opposition force of national dimensions, from local self-governing bodies with a de facto autonomy, to an autonomy of resistance. In confrontation with the movement, the politics of coca eradication and “Alternative Development” resulted in a sustainability-disaster.
nach oben
Nicole Schabus
Freihandelsabkommen bedrohen indigene Rechte
Indigene Autonomie in den Amerikas oder Freihandel mit indigenen Rechten
In the last decade indigenous peoples have secured recognition of their rights in a number of the new Latin American constitutions. At the same time international trade organizations and multinational corporations have been strengthening their access rights to natural resources. Indigenous nations are therefore not only busy struggling for the implementation of their constitutionally protected rights, they are also faced with the far bigger challenge – facing up to the threat of international trade agreements. Whereas nation states are ceding more and more of their sovereignty to natural resources, indigenous peoples are looking for ways to secure recognition of their rights before international trade tribunals. And finally they are some of the few nations and peoples who are in the best position to challenge the overall legitimization of free trade agreements.
Während indigene Völker im letzten Jahrzehnt die Anerkennung ihrer Rechte in den neuen Verfassungen Lateinamerikas weitgehend erreichten, verstärkten internationale Handelsorganisationen und multinationale Konzerne ihre Zugriffsrechte auf natürliche Ressourcen weiter. Indigene Nationen sind daher nicht nur mit der Umsetzung ihrer verfassungsrechtlich anerkannten Rechte beschäftigt, sondern müssen sich der noch größeren Herausforderung – der Bedrohung durch internationale Freihandelsabkommen – stellen. Während Nationalstaaten immer mehr ihrer Souveränität über Ressourcen abtreten, suchen indigene Gruppen nach Wegen, die Anerkennung ihrer Rechte vor internationalen Handelstribunalen zu erwirken. In letzter Instanz können indigene Völker als einige der wenigen Nationen die Legitimation von Freihandelsabkommen in Frage stellen.
nach oben