JEP 1/2005
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Ausgabe 2005/1:
"Entwicklung" im Schulunterricht


Einleitung
Inhaltsverzeichnis und Abstracts


JEP AUSGABE
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Schwerpunktredaktion: Franziska Herdin, Thomas Jekel

Einleitung

Entwicklungspolitische Themen nehmen in unterschiedlichen Unterrichtsfächern breiten Raum ein. Dabei werden staatlich legitimierte Bilder "ferner" bzw. "fremder" Lebenswelten vermittelt. Für SchülerInnen bedeutet das in der Regel die Konfrontation mit persönlich nicht oder nur schwer kontrollierbaren Fakten. Diese bieten auch kraft ihrer Darstellung vermeintliche Wahrheiten über "ferne Länder". Gleichzeitig ist damit verbunden, dass sich zunächst nur wenige Anknüpfungspunkte für schulische Lernprozesse aus individuellen Erfahrungen der Jugendlichen bieten. Schafft man hier allerdings keine Anbindung an dieses Vorwissen, so dürfte das Lernen über "Entwicklung in der Ferne" auch nur geringe Erfolgsaussichten haben.

Das Themenheft analysiert aktuelle Schulbücher und entwickelt aufbauend alternative Unterrichtsansätze.

Inhalt

Franziska Herdin, Thomas Jekel
Editorial

Thomas Jekel
Imaginierte Geographien in österreichischen Schulbüchern
Abstract

Reinhard Krammer
"Auf die Einstellung kommt es an"
Abstract

Julia Lossau
"Ich war sehr stolz darauf, mein Land meinen Mitschüler zu zeigen"
Abstract

Christian Vielhaber
Wie (un)kritisch darf Schulgeographie sein?
Abstract

Uli Vilsmaier
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Ferne doch so nah?
Abstract

Karl Atzmanstorfer
Auswahlbibliographie alternativer Unterrichtsmaterialien für die Praxis
Abstract

 

Abstracts

Thomas Jekel
Imaginierte Geographien in österreichischen Schulbüchern

Die Orientalismusdebatte eröffnet einen neuen Zugang zur Analyse von Unterrichtsmaterialien. Dieser liegt darin, Schulbücher als Medien der Verortung zu untersuchen. Der Beitrag rekonstruiert diese Verortung in Abhängigkeit von den kolonialen Beschreibungen und weist eine weitgehende Übereinstimmung von kolonialen und aktuellen Schulbuchdarstellungen des Unterrichtsfaches Geographie und Wirtschaftskunde nach. Als alternative Unterrichtsmodelle bietet er auf der einen Seite eine Auflösung der objektivierenden Erzählstruktur auf der Basis individueller ‚Geschichten’. Daneben schlägt er einen Zugang über gemeinsame Problemstellungen vor. Auf der anderen Seite wird eine schulische Dekonstruktion der Produktion von Raum angestrebt, die für die SchülerInnen die subjektive Raumaneignung offen legt.

The debate on orientalism and postcolonialism offers new perspectives for the analysis of official school material. These include ideas about the modalities of the designation of spaces as ‘ours’ and ‘theirs’. The paper reconstructs the similarities of description in colonial knowledge systems and their respective use in official Austrian school material for geography education. It then proposes two alternative concepts. The first includes geography education that excludes generalization, being based on individualized stories and problems, possibly those common to local and faraway places. The second concept tries to actively deconstruct the social production of space to enable pupils to understand their own appropriation of space.

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Reinhard Krammer
"Auf die Einstellung kommt es an"

Der Aufsatz untersucht österreichische Geschichtslehrbücher. Die leitende Fragestel-lung bezieht sich auf die Darstellung der Probleme der armen Länder („Dritte Welt“ - Länder) in inhaltlicher und didaktischer Hinsicht. Gefragt wird insbesondere nach der Schilderung der Ursachen von Armut und den Positionen zur „richtigen Hilfe“ durch die Industrieländer.
Um Veränderungen beziehungsweise Kontinuitäten sichtbar zu machen, werden drei Generationen der Schulbücher seit den Sechzigerjahren analysiert. Das Interesse gilt u.a. der Frage, ob die Schulbuchtexte den Wandel von einer eher karitativen Konzeption von Entwicklungshilfe hin zu partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit widerspiegeln, ob der darüber geführte Diskurs im Schulbuch Eingang findet. Zudem wird untersucht, inwieweit den SchülerInnen eine eigenständige Urteilsbildung er-möglicht wird.

The essay analyses Austrian history-textbooks.The leading question is related to the description of the problems of poor countries (Third-world-countries), regarding didactical and textual viewpoints. A detailed look is taken at the description of the reasons for poverty and the attitude to what is called “correct aid” of the industrial nations.
To make changes as well as continuities clear, three generations of schoolbooks (since the 1960s) are analyzed. Attention is paid to the question if schoolbooks in Austria reflect the transformation of a rather charitable concept of “development aid” to “development cooperation” among equal partners and if the discussion of this problem is found into the textbooks. Another subject of the essay is the question if the students are given the opportunity to form an individual opinion.

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Julia Lossau
"Ich war sehr stolz darauf, mein Land meinen Mitschülern zu zeigen"

Departing from the complex realities of a multicultural society many contemporary schoolbooks are informed by concepts of intercultural pedagogy. Intending to overcome cultural boundaries by demonstrating openness towards other cultures, the aims of these books are clearly benevolent. They can, however, be criticised for reinforcing the very concept of cultural difference they aim to overthrow. Against this background this paper makes an attempt in mapping the blind spot of intercultural pedagogy. Using a German geography schoolbook as a case study, the intercultural paradoxes that inform many lessons will be highlighted. After an examination of the paradoxes’ origins the paper concludes by sketching out alternative ways of dealing with cultural boundaries – both in the classroom and beyond.

Die gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit dem kulturell Fremden macht vor den Klassenzimmern nicht halt. Im Sinne der Interkulturellen Pädagogik plädieren viele Schulbücher dafür, anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen zu sein und das interkulturelle Zusammenleben zu fördern. Zwar sind diese Intentionen durchaus wohlwollend. Sie haben aber oft das genaue Gegenteil dessen zur Folge, was eigentlich erreichen werden soll. Der vorliegende Beitrag arbeitet die Diskrepanz zwischen gut gemeinter, integrativer Absicht und letztlich gegenteiliger, nämlich ausschließender Wirkung an einem konkreten Beispiel heraus. Im Anschluss an eine Auseinandersetzung mit der paradoxen Logik der Verortung wird abschließend gezeigt, wie eine alternative Thematisierung des Fremden im Schulunterricht aussehen könnte.

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Christian Vielhaber
Wie (un)kritisch darf Schulgeographie sein?

Das Jahr 1988 hat gezeigt, dass Schüler/-innen nicht positiv reagieren, wenn zu großer Druck bei der Vermittlung von Werten und Haltungen ausgeübt wird. Damals ging es um den Aufbau eines kritischen Bewusstseins in Bezug auf autoritäre Strukturen anlässlich der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich.
Was die Situation globaler Disparitäten von Entwicklung und Stagnation, sowie die binären Codes Nord-Süd, Arm-Reich betrifft, bedarf es ebenfalls des Aufbaus spezifischer Haltungen und Handlungsweisen bei Jugendlichen. Allerdings, wie sollen Lernprozesse organisiert werden, ohne die bereits bekannten Abwehrreaktionen zu provozieren, die durch persönliche Betroffenheiten hervorgerufen werden? Die aktuelle Schulgeographie zeigt, wie Schulbuchbeispiele belegen, kaum didaktisch angemessene Wege auf und setzt statt einer Einbeziehung des Subjekts in Lernprozesse auf schülerferne kognitive Vermittlungsrituale. Dadurch bleiben den Jugendlichen, insbesondere was die Berücksichtigung postkolonialer Perspektiven im Unterricht betrifft, wichtige Einsichten und Erkenntnisse - nicht zuletzt über sich selbst - verwehrt. Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre die Konstruktion schülerorientierter Lernprozesse, die auf den lebensweltlichen Erfahrungen der SchülerInnen aufbauen und ihnen dadurch die Hinterfragung der eigenen Identität im Rahmen einer latent weiterwirkenden Kolonisierungsproblematik - durch die Art und Weise der Darstellung von Ereignissen, Personen und Entwicklungen - ermöglichen.

The year 1988 has proved that pupils do not show positive reactions if the teaching of values and attitudes is based too much upon pressure. Due to the 50th anniversary of the German occupation that year, all teaching efforts were coordinated to creat a critical conscience among Austrian pupils to resist authoritarian structures.
As far as global disparities, development and stagnation, as well as the binary codes of North and South or Rich and Poor, are concerned, a similar education is required to achieve a specific behavior among juveniles. But how to organise teaching processes without provoking the already known defensive reactions caused by personal emotional involvement? Today’s school geography is not successful in providing adequate didactic solutions. Instead of organising teaching processes based on the lifeworlds of pupils, teaching rituals which don't take subjective issues into consideration are preferred. Therefore young people have little chance of gaining important insights and knowledge concerning postcolonial perspectives, including their personal involvement.To overcome this problem the construction of pupil-oriented teaching processes which are based on lifeworld experiences is needed. This way of teaching will enable young people to analyse their personal identity in a world where crucial colonial problems have not yet been overcome.

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Uli Vilsmaier
Warum in der Ferne schweifen, wenn das Ferne doch so nah?

Die Auseinandersetzung mit entwicklungsbezogenen Themen im Schulunterricht erfordert Fähigkeiten im Umgang mit komplexen Systemzusammenhängen und eine kritische Reflexion der subjektiven Interpretation der Wirklichkeit – sowohl seitens der Lehrenden als auch Lernenden. Wird die Beschäftigung mit globalen Themen in unserem unmittelbaren Nahbereich angelegt und werden Anknüpfungspunkte in unserem bestehenden Erfahrungs- und Wissensvorrat genutzt, fördert dies die eigenständige Erschließung komplexer Themen und Ausbildung eigener Erkenntnisse. Der Beitrag beleuchtet Möglichkeiten dafür im Rahmen institutioneller Nord-Süd-Partnerschaften, anhand von Produktgeschichten alltäglicher Konsumgüter und reflektiert die Bedeutung des LeherInnen-SchülerInnen-Verhältnisses in der Vermittlung entwicklungsbezogener Themen.

The discussion about development-related topics in school lessons requires capabilities to capture the complex system-relations and needs a critical reflection of the subjective interpretation of reality for both teachers and pupils. Embedding these discussions in a daily life context will establish connections to our existing experience and knowledge. An individual realisation of complex topics and the development of proper knowledge will be stimulated. This article discusses possibilities within the context of institutional North-South-Partnerships and along the product histories of consumer goods. It also reflects the significance of the relation between teachers and pupils in discussing development topics.

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Karl Atzmanstorfer
Auswahlbibliographie alternativer Unterrichtsmaterialien für die Praxis

In der folgenden Auswahlbibliographie seien einige Beispiele von Materialien mit alternativen Zugängen zu entwicklungs- und gesellschaftspolitischen Fragestellungen angeführt, welche für den Unterricht als geeignet erscheinen. Dieser knappe Überblick fachdidaktischer Literatur zeigt auffällige Unterschiede hinsichtlich einer kritischen Auseinandersetzung mit traditionellen Rollenzuweisungen und stereotypen Vorstellungen von Ländern und Lebensumständen in der so genannten „Dritten Welt“. Aufgrund der Fülle des verfügbaren Materials können die im Folgenden zitierten Beispiele jedoch nur einen kleinen, keinesfalls vollständigen Abriss über vorhandene Unterrichtsmaterialien geben.

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