Schwerpunktredaktion: Markus Auinger, Franziska Herdin, Johannes Jäger, Bettina Köhler, Bernhard Leubolt, Barbara Nothegger
Diese Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik geht demVeränderungspotential von sozialen Kämpfen und Bewegungen in ihrenkonkreten Kontexten nach. Den Hintergrund der Analyse bilden dabei eineReihe von Krisenerscheinungen und Protestartikulationen, die in den letztenJahren die Aufmerksamkeit auf Lateinamerika gezogen haben. Auf der einenSeite fallen Phänomene auf, wie 2001 der vollständige ökonomischeZusammenbruch des neoliberalen Musterschülers Argentinien oder 2003 Ansätze"abweichenden" Verhaltens südlicher Staaten bei den WTO-Verhandlungen inCancun. Auf der anderen Seite sind in fast allen Ländern Lateinamerikas einebreite Serie von Protesten gegen die Privatisierung öffentlicherDienstleistungen, Bewegungen die massiv den Zugang zu Grundrechten wie Land,Nahrung, Wasser oder die Anerkennung lokaler Autonomien einfordern sowieeine Vielzahl von lokalen, regionalen und nationalen Experimenten mitalternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen zu verzeichnen. Anhand sounterschiedlicher Bereiche wie der Rolle von alternativen Medien, denExperimenten mit alternativem Wirtschaften, den Erfahrungen mit einemalternativen Staatsprojekt in Venezuela sowie Ressourcenkonflikten wird dieDynamik spezifischer Kämpfe und deren Bedeutung für emanzipatorischeEntwicklungen und Veränderungen untersucht.
Einleitung
Alternative gesellschaftliche Entwicklungen in Lateinamerika heute - Konzeptionelle Aspekte
Bettina Köhler
Ressourcenkonflikte in Lateinamerika
Zur Politischen Ökologie der Inwertsetzung von Wasser
Abstract
Markus Auinger
Demokratisierungsimpulse und Ansatzpunkte für eine Transformation des Arbeitsprozesses in Brasilien
Abstract
Irmi Salzer
Der MST und sein alternatives Projekt: Die politische und gesellschaftliche Rolle der brasilianischen Landlosenbewegung
Abstract
Barbara Nothegger
Die zapatistische Autonomie und Medien - Beispiel Radio Insurgente
Abstract
Franziska Herdin
Warum in der Ferne schweifen, wenn das Ferne doch so nah?
Abstract
Alfredo Alejandro Gugliano
Demokratie als Raum für die Entwicklung einer BürgerInnenschaft
Ein Vergleich zwischen dem Partizipativen Budget von Porto Alegre und der Partizipativen Dezentralisierung von Montevideo
Abstract
Abstracts
Bettina Köhler
RESSOURCENKONFLIKTE IN LATEINAMERIKA
Zur Politischen Ökologie der Inwertsetzung von Wasser
Konflikte um die Aneignung und Kontrolle von Ressourcen und gesellschaftlichen Versorgungsleistungen spielen im Kontext neoliberaler Inwertsetzungsstrategien eine zentrale Rolle. Vielfach werden die Diskussionen jedoch mit unpräzisen Begriffl ichkeiten geführt, die nicht immer den politischen Kern der Konfl ikte erfassen. Im Sinne einer begriffl ichen Klärung werden drei unterschiedlichen Perspektiven auf die Mechanismen von Inwertsetzungsprozessen dargelegt. Anhand des Wassersektors wird infolge veranschaulicht, dass nicht eine abstrakte stoffl iche Ressource zur Disposition steht, sondern komplexe soziale, ökonomische, materielle und diskursive Arrangements der Wasserbereitstellung, die erst infolge historischer Kämpfe entstanden sind. In einer emanzipatorischen Perspektive sind daher Forderungen nach Zugang zu Wasser immer mit der Frage nach Kontrolle über die Ausgestaltung dieser Arrangements zu verknüpfen.
nach oben
Markus Auinger
DEMOKRATISIERUNGSIMPULSE UND ANSATZPUNKTE FÜR EINE TRANSFORMATION DES ARBEITSPROZESSES IN BRASILIEN
Im vorliegenden Artikel stehen gesellschaftliche Auseinandersetzungen um den Arbeitsprozess in Brasilien im Zentrum einer politökonomischen Analyse. Die Vorgehensweise der Analyse berücksichtigt dabei sowohl die historische Kontinuität als auch aktuelle Entwicklungen im Zuge des Konfl ikts und soll damit den Prozesscharakter sowie die dahinter befi ndlichen Kräfteverhältnisse sichtbar machen. Mittels einer theoretischen Annäherung an den kapitalistischen Produktionsprozess und der historischen Analyse sollen dabei konkrete Demokratisierungsimpulse im Bezug auf die Regulierung der Arbeitsbeziehungen identifi ziert werden. Aktuelle Beispiele praktizierter betrieblicher Demokratie und deren institutionelles Umfeld werden dabei den Rahmen für die Fallstudie liefern und das emanzipative Potential der Solidarökonomie verdeutlichen.
The article discusses social conflicts in a politico-economical context, focusing on the working process in Brazil . The analysis proceeds by taking into account the historical continuity as well as recent developments in the course of the conflict, and thereby shows the process itself as well as the forces behind it. By means of a theoretical approximation to the process of capitalist production and the historical analysis, impulses of democratization regarding the organization of work relations are to be identified. Recent examples for practiced democracy on an enterprise level, as well as their institutional surroundings, will supply the framework for the case study and will clarify the emancipatory potential of solidarity economics.
nach oben
Irmi Salzer
DER MST UND SEIN ALTERNATIVES PROJEKT:
Die politische und gesellschaftliche Rolle der brasilianischen Landlosenbewegung
Die brasilianische Landlosenbewegung MST leistet einen mehr dimensionalen Beitrag zur Vertiefung und Erweiterung der Demokratie in Brasilien. Die Ambivalenz der Zielsetzungen und Strategien des MST spiegelt sich sowohl in seinem Verhältnis zur Zivilgesellschaft und zur Politik als auch in der Beziehung zwischen der Spitze der Bewegung und ihrer Basis. Die Erfolge des MST und seine Rolle als Demokratisierungsakteur haben dazu beigetragen, das auf Ausgrenzung basierende Herrschaftsmodell in Frage zu stellen. Seine ideologische Positionierung schwächt andererseits seine Verhandlungsmacht und trägt ihm den Vorwurf der autoritären Bevormundung seiner Basis ein. Die Versuche zur kollektiven Ermächtigung seiner Mitglieder ausgehend vom Bildungsansatz Paulo Freires wiederum könnten einen Prozess der Politisierung und Befreiung der Sem terra einleiten.
The Brazilian landless people's movement MST contributes in a multidimensional manner to the consolidation of Brazilian democracy. The ambivalence of objectives and strategies of the MST reflects in its relationships both to the political system and civil society and also between the head of the movement and its base. The achievements of the MST and its struggle for democratisation have weakened the legitimation of the traditional ruling elites and challenged their regime based on clientilism and social exclusion. On the other hand, the ideological positioning of the movement undermines its negotiation power and leads to the allegation of paternalizing its base. In turn, the efforts to support a process of collective empowerment within the movement, inspired by the educational concept of Paulo Freire, could promote a process of politicization and liberation of the Sem terra.
nach oben
Barbara Nothegger
DIE ZAPATISTISCHE AUTONOMIE UND MEDIEN -
Beispiel Radio Insurgente
Die zapatistische Bewegung im Süden Mexikos baut seit über zehn Jahren autonome Strukturen auf. Dabei versuchen die Zapatisten radikal-demokratische Politik- und Wirtschaftsformen zu praktizieren. Der vorliegende Beitrag analysiert das zapatistische Medienprojekt Radio Insurgente.
For more than ten years the Zapatistic movement in Mexico has been building autonomous structures. In daily life they are trying to implement radical democratic forms of politics and economics. This article analyses the Zapatistic media project Radio Insurgente.
nach oben
Franziska Herdin
Warum in der Ferne schweifen, wenn das Ferne doch so nah?
Der bolivarianische Prozess in Venezuela wird in politökonomischen und gesellschaftspolitischen Diskussionen häufi g als möglicher alternativer Weg zum vorherrschenden Neoliberalismus herangezogen. Der vorliegende Beitrag erklärt, warum diese Deutung richtig ist, und zeigt, dass es sich beim Bolivarianismus um eine durchgängige Ideologie handelt, welche eine gesellschaftspolitische Alternative und somit ein anti-neoliberales Modell zum Ziel hat. Aufbauend auf den historischen Entwicklungen in Venezuela - Wegbereiter für die bolivarianische Politik - wird der Bolivarianismus einer genaueren politökonomischen Analyse unterzogen. Dabei werden auch die Rolle des Militärs sowie die Bedeutung der nationalen und internationalen Medienlandschaft unter die Lupe genommen.
In politico-economical and sociopolitical discussions the Bolivarian process in Venezuela is often referred to a possible alternative way to the predominant neoliberalism. The present article explains why this interpretation is correct and shows the continuous ideology of the Bolivarianism, which aims at being a socio-political alternative and consequently an anti-neoliberal model. On the basis of historic developments in Venezuela - precursors of Bolivarian politics - Bolivarianism is subject to a specific politico-economical analysis. In doing so, the role of the Military and the significance of national and international media are also examined carefully.
nach oben
Alfredo Alejandro Gugliano
DEMOKRATIE ALS RAUM FÜR DIE ENTWICKLUNG EINER BÜRGERINNENSCHAFT
Ein Vergleich zwischen dem Partizipativen Budget von Porto Alegre und der Partizipativen Dezentralisierung von Montevideo
In diesem Artikel sollen die verschiedenen Formen diskutiert werden, die der Strukturierung von Mechanismen der BürgerInnenteilhabe an der öffentlichen Kommunalverwaltung zugrunde liegen. Zur Darstellung dieses Themas wird das Modell des Partizipativen Budgets (PB) von Porto Alegre und das der Partizipativen Dezentralisierung von Montevideo untersucht, die als zwei der wichtigsten Ansätze zur Erneuerung demokratischer Regierungen auf lokaler Ebene im Mercosur gelten.
The article wants to discuss the different forms of structures upon which mechanisms of participation of citizens are based. To illustrate this topic, the model of the participative budget (PB) of Porto Alegre and the one of participative decentralisation of Montevideo are analysed. The models are considered two of the most important approaches for the renewal of democratic governments on a local level in the Mercosur.
nach oben