JEP 1/2006
www.mattersburgerkreis.at JEP GEP HSK Entwicklungstagung Kontakt

Ausgabe 2006/1:
In Memoriam Andre Gunder Frank


Einleitung
Inhaltsverzeichnis und Abstracts


JEP AUSGABE
Newsletter abonnieren:

Schwerpunktredaktion: Karin Fischer und Christof Parnreiter

Einleitung

Das vorliegende Heft bietet eine Würdigung des Werkes von Andre Gunder Frank. Der 2005 verstorbene Ökonom und Entwicklungssoziologe hat die Entwicklungsforschung nachhaltig geprägt. Mit seinen früheren Arbeiten wurde Frank zu einem Begründer der Dependenzschule, einer in Lateinamerika entstandenen kritischen Entwicklungstheorie. Frank, der bis zum Militärputsch in Chile 1973 selbst einige Jahre in Lateinamerika gelebt und gearbeitet hatte, brachte seine Analysen zu Abhängigkeit und Entwicklung und die seiner Kollegen in die englischsprachige akademische und politische Welt ein. Ab den 1970er Jahren widmete sich Frank vor allem der Analyse der Weltwirtschaftskrisen und, in intensivem Austausch mit Immanuel Wallerstein, Weiterentwicklung des Weltsystemansatzes.
Die Beiträge des Heftes setzen sich mit unterschiedlichen Aspekten von Franks Werk auseinander und diskutieren die Relevanz seiner zentralen Thesen für die heutige Entwicklungsforschung.


Inhalt

Karin Fischer, Christoph Parnreiter
Editorial


Colin Leys
A Tribute to Andre Gunder Frank

Andrea Komlosy
Vom europäischen Weltsystem-Modell zur globalistischen Analyse. Entwicklungen und Diskussionsanstöße des Andre Gunder Frank
Abstract

Ronen Palan
Andre Gunder Frank's Legacy in Contemporary International Relations
Abstract

Ricardo Duchnese
Globalization, the Industrialization of Puerto Rico and the Limits of Dependency Theory
Abstract

Marcos Aguila, Jeffrey Bortz
Andre Gunder Frank: The Limits to the Latin American Lumpenbourgeoisie
Abstract

 

Abstracts


Andrea Komlosy
VOM EUROPÄISCHEN WELTSYSTEM-MODELL ZUR GLOBALISTISCHEN ANALYSE. ENTWICKLUNGEN UND DISKUSSIONSANSTÖßE DES ANDRE GUNDER FRANK

Der Beitrag zeigt entlang der wichtigsten Veröffentlichungen Andre Gunder Franks seine Entwicklung von der Erforschung des "europäischen Weltsystems" zu einem globalistischen Erklärungsansatz. Frank postulierte mit seinem Buch ReOrient die Existenz eines frühneuzeitlichen Weltsystems mit weltumspannendem Charakter, in dem Ostasien (insbesondere China) die führende Kraft dargestellt habe. Als Triebkraft der weltwirtschaftlichen Entwicklung ortet Frank allerdings nicht die innere Stärke Chinas, sondern den globalen Wirkungszusammenhang. Demzufolge sei der Aufstieg der nordwesteuropäischen Seemächte zum Zentrum der Weltwirtschaft, den Frank erst an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ansetzt, nicht Ausdruck eines "europäischen Sonderweges", sondern Resultat veränderter Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft. Der Beitrag greift die Einwände auf, die das Franksche Konzept eines "Single World System" hervorgerufen hat und diskutiert abschließend Konsequenzen seines globalistischen Anspruchs für die globalhistorische Forschung.

Considering his most important publications, the article describes Frank's intellectual development from an European World System to a globalist approach. In his book " ReOrient ", Frank postulated the existence of a World System in the early modern era, in which East Asia (particularly China ) was the dominant force. This does, however, not imply that China 's inner strength was the driving force in the development of the world economy. Frank explains this development in terms of global patterns of cause and effect. Thus the rise of the north-western European naval powers to the centre of the world economy - which according to Frank did not take place before the turn of the 19th century - did not constitute a peculiar European development but resulted from changing balances of power within the world economy. The author also looks at the criticism provoked by Frank's concept of a "Single World System" and finally discusses the consequences of his globalist approach for research on global history.


Ronen Palan
ANDRE GUNDER FRANK'S LEGACY IN CONTEMPORARY INTERNATIONAL RELATIONS

Der Artikel geht dem Vermächtnis von Andre Gunder Franks Werk im Feld der internationalen Beziehungen nach. Frank entwickelte eine Theorie des kapitalistischen Systems als weltumspannendes Ausbeutungssystem, das auf den Beziehungen zwischen Zentrum und peripheren Satelliten beruht. Ausbeutung und Akkumulation schaffen demnach eine "parallele Geographie", die als mächtige Infrastruktur betrachtet werden kann und die Kapital von den Peripherien in die Zentren kanalisiert. Der Autor diskutiert zentrale - in Franks Denken als universell geltende - Merkmale des kapitalistischen Weltsystems und gelangt zum Schluss, dass seine Theorie nicht in der Lage war, wichtige Veränderungen im Wesen des Kapitals zu erfassen. Zeitgenössische Theorien im Feld der Internationalen Politischen Ökonomie haben, Franks Ansätze zuspitzend, ein neues geoökonomisches Konzept entwickelt. Diese Beiträge zeigen, dass das Zentrum-Peripherie-Modell ein Übergangsphänomen in der Entwicklung des globalen Kapitalismus darstellt.

The article explores the legacy of Andre Gunder Frank in International Relations. Frank developed a theory of the entire capitalist system as a planetary wide system of exploitation replicating centre-peripheral satellite relationships. Exploitation and accumulation generate a parallel geography that serves like a gigantic infrastructure channelling capital from the periphery to the centre. The author discusses some characteristics of the capitalist world economy assumed as universals and arrives at the conclusion that Frank's theory, however, failed to take count of important changes in the nature of capital as anticipated future earning. Contemporary International Relations, particularly in the sub-field of International Political Economy, have radicalised Frank's ideas. Contemporary International Political Economy has developed a novel geo-economic conceptualisation demonstrating that the core-periphery schema of relationship was a transitory moment in the development of global capitalism.

nach oben


Ricardo Duchnese
GLOBALIZATION, THE INDUSTRIALIZATION OF PUERTO RICO AND THE LIMITS OF DEPENDENCY THEORY

Der Beitrag greift Aspekte des Weltsystemansatzes innerhalb der Dependenztheorie, insbesondere die Thesen von Andre Gunder Frank, auf und diskutiert, inwiefern diese zum Verständnis der spezifischen Rolle Puerto Ricos in der internationalen Arbeitsteilung beitragen. Der Autor argumentiert, dass die Industrialisierung Puerto Ricos zwischen 1948 und 1980 als klassisches Beispiel dafür dienen kann, dass die Ausbreitung des Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung Entwicklung in der Peripherie nicht blockiert, sondern im Gegenteil sogar fördert. Die Ausführungen legen weiterhin nahe, dass die Industrialisierung Puerto Ricos innerhalb des Kolonialsystems, zusammen mit einer Politik der Zollfreiheit für die zwischen den USA und der Insel gehandelten Güter, der Beibehaltung des US-Dollar als nationale Währung und der steuerfreien Gewinnrepatriierung seitens der US-amerikanischen Tochtergesellschaften die künftige wirtschaftliche Realität "entwickelter" globaler Ökonomien in der heutigen Welt vorweggenommen hat.

This paper assimilates aspects of the world-historic perspective of dependency theory, especially the work of Andre Gunder Frank, and the way it illuminates the specific role Puerto Rico 's economy has played in the international division of labour. The paper argues that the industrialization of Puerto Rico in the period between 1948 and 1980 can be studied as a classic case suggesting that the export of capitalism, in the age of globalization, does not block development in the periphery, but rather stimulates it. It also suggests that Puerto Rico's industrialization within a colonial framework, including its policies of no tariffs on goods traded between the United States and the island, the retention of the U.S. dollar as its currency, and the exemption of profit remittances by American subsidiaries on the island from federal taxes, anticipated the future economic reality of "developed" global economies in the world today.

nach oben


Marcos Aguila, Jeffrey Bortz
ANDRE GUNDER FRANK: THE LIMITS TO THE LATIN AMERICAN LUMPENBOURGEOISIE


Der Artikel setzt sich mit einem Buch Franks auseinander, das 1969 publiziert wurde und den Titel: Lumpenburguesía: lumpendessarrollo (Lumpenbourgeoisie: Lumpenentwicklung) trägt. Frank stellt in diesem Buch die transformative Kraft der nationalen Bourgeoisie in Lateinamerika in Frage. Er argumentiert, dass der Mangel an revolutionärer Energie der Bourgeoisie Teil der Bedingungen von Unterentwicklung ist. Unterentwicklung ist folglich nicht nur ein externer Faktor; indem die nationale Bourgeoisie an ihrer eigenen Unterwerfung mitwirkt und so zur "satellite bourgeoisie" wird, ist Unterentwicklung auch ein endogener Prozess. Im zweiten Teil des Papers diskutieren die Autoren jüngere politische Entwicklungen in Lateinamerika. Diese ist auf der einen Seite von einer Polarisierung der Lumpenbourgeoisie in eine kleine Gruppe erfolgreicher Unternehmer, die von der Globalisierung profitieren, und dem Großteil kleinerer Kapitalgruppen, die durch die internationale Konkurrenz verdrängt werden, gekennzeichnet. Auf der anderen Seite hat die politische Linke in den letzten Jahren in zahlreichen Ländern Lateinamerikas Wahlerfolge erringen können. Die Autoren bezweifeln allerdings, dass diese Regierungen eine soziale Dynamik entfachen können, die zu einer wirklichen Transformation der Lumpenbourgeoisie und der Lumpenentwicklung führen könnte.

This article takes issue with a small book published by Frank in 1969, Lumpenburguesía: lumpendessarrollo . In this book, Frank firmly questions the transformative capacity of the national bourgeoisies in Latin America . The lack of any revolutionary capacity of the bourgeoisie in backward countries is, according to Frank, part of the condition of dependency. As a consequence, underdevelopment has to be perceived not only as an external force. Rather, the dominant classes in Latin America are partners in their own submission, becoming thus a "satellite bourgeoisie". In the second part of the paper the authors discuss the recent political development in Latin America, characterized, on the one hand, by a polarization of the "lumpenbourgeoisie" into a small group of magnates who have benefited from globalization and the majority of smaller capitals displaced by brutal international competition and, on the other hand, by electoral victories of the political left in many Latin American countries. The authors question, however, that these governments of the left can engender a social dynamic leading to a true transformation of the lumpenbourgeoisie and its lumpendevelopment in Latin America .

nach oben