Schwerpunktredaktion: Bettina Köhler
Einleitung
Mit der Etablierung und der massenhaften Verbreitung neuer Medientechnologien gingen immer auch Auseinandersetzungen über deren gesellschaftliche Rolle einher. Betont wurde die Bedeutung von Medien für die Konstitution von Öffentlichkeit und Demokratie. Im Hinblick auf zunehmende Konzentrations- und Kommerzialisierungsprozesse wurden seit den 1970er Jahren Fragen nach Medien und Macht - nicht nur in den Gesellschaften des Nordens - gestellt. Mit dem Begriff Medienimperialismus wurden einseitige Kommunikationsflüsse von Nord nach Süd sowie die Fortschreibung kolonialer Abhängigkeiten thematisiert. Mit der Durchsetzung neuer Medien in den 1990er Jahren dynamisierten sich diese Debatten - jedoch ging der dabei zentrale Technologiefokus oft auf Kosten machtkritischer Analysen. Die Beiträge in diesem Heft beleuchten vielfältig die aktuelle Rolle von Medien im Nord-Süd-Verhältnis.
Inhalt
Bettina Köhler
Medienkritik im Nord-Süd-Verhältnis
Cees J. Hamelink
New Media, the Internet and the North/South Conflict
Abstract
Janet Wasko
What is Media Imperialism?
Abstract
Naomi Sakr
Oil, Arms and Media: How US Interventionism Shapes Arab TV
Abstract
Georgette Wang
Reconceptualizing the Role of Culture in Media Globalization: Reality Television in Greater China
Abstract
Franz Nuscheler, Veronika Wittmann
Global Digital Divide: eine neue Dimension der Zentrum-Peripherie-Polarisierung
Abstract
Almut Schilling-Vacaflor
Indigene Identitäten und politisch-rechtliche Forderungen im bolivianischen Verfassungsänderungsprozess: Ein Vergleich der CONAMAQ und der CSUTCB
Abstract
Abstracts
Cees J. Hamelink
New Media, the Internet and the North/South Conflict
Information and Communication Technologies (ICTs) are a persistent element in the North/South conflict. Inequities in access to these technologies have been debated since the early meetings of the UN General Assembly, were at the core of the 1970s UNESCO negotiations about a New International Information Order (NIIO) and were prominent on the agenda of the UN World Summit on the Information Society (2003-2005). Two factors were constant in all these debates and negotiations. One factor was that costs and benefits of ICTs were usually couched by marginalized actors in terms of colonialism versus de-colonization. The other factor was that the most powerful actors in the world arena appropriated a discourse on social progress as a vital instrument of hegemonic control. The new media and in particular the Internet are proliferating rapidly around the world and are 'sold' with this discourse. Moreover, in spite of all the declarations about our times as a post-colonial era, the Internet Age is part of a continuing process of colonization. De-colonization can only be realized once the colonized expose the deceptive promise of global digital capitalism and resist control by the colonizers in digital disguise through a process of 'digital dissociation'.
Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind ein permanentes Thema in Nord-Süd-Konflikten. Fragen des ungleichen Zugangs zu diesen Technologien wurden bereits in den ersten UN-Generalversammlungen diskutiert; sie waren in den 1970er Jahren Gegenstand von UNESCO-Verhandlungen über eine Neue Internationale Informationsordnung und standen auf der Agenda der UN-Weltinformationsgipfel von 2003 und 2005. Zwei Elemente charakterisieren diese Debatten und Verhandlungen. Zum einen werden die Kosten und Nutzen von Informationstechnologien von marginalisierten AkteurInnen sehr stark als Frage von Kolonialisierung versus Dekolonialisierung thematisiert. Zum anderen propagieren dominante AkteurInnen die Frage der globalen Verbreitung von digitalen Medien, insbesondere des Internet, vor allem im Rahmen eines Diskurses von sozialem Fortschritt - ein Diskurs, welcher sich vielfach als Instrument hegemonialer Kontrolle entpuppt. Vor diesem Hintergrund kann das Internetzeitalter, trotz aller Verlautbarungen über eine post-koloniale Ära, als Teil eines fortgesetzten Kolonialisierungsprozesses interpretiert werden. Eine De-Kolonialisierung ist angesichts eines globalen digitalen Kapitalismus nur dann möglich, wenn sich die Kolonialisierten der digitalen Kontrolle ihrer KolonisatorInnen durch Prozesse der "digitalen Dissoziation" entziehen.
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Janet Wasko
What is Media Imperialism?
During the 1970s and 1080s, the debate about media imperialism erupted in the field of communication studies. A good deal of critique and discussion followed during the next few decades, as academics continued to debate the feasibility of the concept. Meanwhile, global media expanded and changed in various ways. Is media imperialism still a viable concept in an increasingly globalized, diverse media system? Or has a new form of cultural imperialism developed? This essay discusses how these concepts have been defined, how they have been challenged and redefined, and their current relevance.
Die Debatte über Medienimperialismus entwickelte sich in den 1970er und 1980er Jahren im Umfeld der Kommunikationswissenschaften. Die darauf folgenden Jahrzehnte waren durch kritische Diskussionen geprägt, im Rahmen derer AkademikerInnen über die Brauchbarkeit des Konzeptes debattierten. In der Zwischenzeit breiteten sich Medien auf globaler Ebene aus und entwickelten sich in vielfältiger Weise weiter. Ist Medienimperialismus in einem zunehmend globalisierten und diversifizierten Mediensystem noch ein gangbares Konzept? Oder haben sich neue Formen von Kulturimperialismus herausgebildet? Dieser Aufsatz diskutiert, wie diese Konzepte in der Vergangenheit definiert wurden, auf welche Weise sie kritisiert und neu definiert wurden und worin ihre aktuelle Relevanz liegen kann.
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Naomi Sakr
Oil, Arms and Media: How US Interventionism Shapes Arab TV
Although the cultural imperialism paradigm appears passé, and despite allegations that Arab media foment anti-Americanism, US interventions in the Arab world raise the question of whether imperialism theory can help to explain the editorial policies of dominant Arab TV channels. Drawing on ideas about elite collaboration, this paper examines reasons behind the launch and expansion of two Saudi-owned satellite television networks, MBC and Rotana, as well as the Qatari-owned Al-Jazeera network, which added Al-Jazeera English in 2006. It goes on to look at the Pentagon's policing of Arab television news reporting and at Gulf deals with Hollywood studios. It finds that Arab ruling families' dependence on US military backing has been reflected in decisions they make about Arab satellite TV.
Obwohl das Paradigma des Kulturimperialismus überwunden zu sein scheint und trotz der Behauptungen, dass arabische Medien Anti-Amerikanismus schüren würden, werfen die US-Interventionen in der arabischen Welt die Frage auf, ob Imperialismus-Konzepte zur Erklärung der Programmgestaltung wichtiger arabischer TV-Kanäle herangezogen werden können. Anknüpfend an Konzepte zur Elitenkollaboration untersucht dieser Beitrag die Hintergründe der Gründung und Ausweitung der zwei saudi-arabischen Satelliten-Fernsehstationen MBC und Rotana sowie der katarischen Station Al-Jazeera, welche seit 2006 auch in englischer Sprache sendet. Im Anschluss werden die Interventionen des Pentagon in arabische Nachrichtenproduktionen sowie Vereinbarungen zwischen den Golfstaaten und Hollywood untersucht. Es stellt sich heraus, dass die Abhängigkeit der herrschenden arabischen Familien von militärischer Unterstützung der USA sich in deren Entscheidungen über die Gestaltung von arabischem Satellitenfernsehen widerspiegelt.
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Georgette Wang
Reconceptualizing the Role of Culture in Media Globalization: Reality Television in Greater China
The purported decline of American media on the global market, the appearance of lingual/cultural markets and the rise of new media centres have put the debate of cultural homogenization vs. heterogenization in a new light. This paper examines the role of culture as it is reflected in the way viewing preferences feed back into production decisions that lead to the transformation of imported media genre, using the transformation of reality television in Greater China as an example. It is argued that there is a need to go beyond the 'either-or' conceptual framework and thus to see cultural and economic, and media and audience power as moving forces rather than as dualistic dichotomies with a linear, predetermined relation.
Der behauptete Niedergang amerikanischer Medien am Weltmarkt, die Entstehung von sprachlich-kulturellen Märkten und die Entstehung neuer Zentren lassen die Diskussion über kulturelle Homogenisierung versus Heterogenisierung in einem neuen Licht erscheinen. Dieser Aufsatz untersucht die Rolle von Kultur in Bezug darauf, wie die Präferenzen der ZuseherInnen die Produktionsentscheidungen beeinflussen und damit das Genre von importierten Medien transformieren. Als Beispiel wird die Transformation von Realitiy-Shows in China herangezogen. Es wird argumentiert, dass die Notwendigkeit besteht, über den konzeptionellen "Entwederoder"-Rahmen hinauszugehen und kulturelle, ökonomische und mediale Macht sowie die Macht der ZuseherInnen eher als bewegende Kräfte anstatt als dualistische Dichotomie mit einer linearen, vorgegebenen Beziehung zu sehen.
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Franz Nuscheler, Veronika Wittmann
Global Digital Divide: eine neue Dimension der Zentrum-Peripherie-Polarisierung
Der Beitrag untersucht die Dimensionen, Fragmentierungen und Auswirkungen des ungleichen Zugangs zu modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) von Menschen unterschiedlicher Entwicklungsräume. Er versucht im Besonderen aufzuzeigen, warum die digitale Kluft eine neue Dimension der Zentrum-Peripherie-Disparität bildet, die in der Regel mit einem politischen Machtgefälle und einer sozioökonomischen Polarisierung begründet wird. Gleichbedeutend mit industriell erzeugten oder agrarischen Gütern wurden Wissen und Information zu bedeutenden politischen und ökonomischen Ressourcen. Diese weltgesellschaftlichen Veränderungen werfen wiederum Fragen des Zugangs, der Verteilungsgerechtigkeit und den Besitzrechten an ihnen auf. Die Darstellung und Analyse der These, dass die digitale Kluft der Gegenwart zu einer Verschärfung des Zentrum-Peripherie-Gegensatzes führen wird, ist das zentrale Thema des vorliegenden Artikels.
The article analyses the dimensions, fragmentations and effects of the inequitable access to digital information and communication technologies (ICT) of people from different development areas. In particular, it tries to show how the Digital Divide can be seen as a new dimension of the centreperiphery- disparity, which is substantiated by a shift in political power relations and a socio-economic polarisation. The access to and the use of knowledge and information became - like industrial and agricultural products before them - important political and economic resources. These changes, which take place worldwide, raise questions of access to and the use of knowledge and information, and the equality of distribution and rights of possession of them. A central topic of the article is the demonstration and analysis of the thesis that the Digital Divide of today will increase development gaps and widen social disparities between central and peripheral regions in the future.
Almut Schilling-Vacaflor
Indigene Identitäten und politisch-rechtliche Forderungen im bolivianischen Verfassungsänderungsprozess: Ein Vergleich der CONAMAQ und der CSUTCB
Der Artikel vergleicht die Identitätskonstruktionen und politisch-rechtlichen Forderungen der CONAMAQ und der CSUTCB - jene Organisationen, die insbesondere die Quechua- und Aymara-Bevölkerungsmehrheit des Landes repräsentieren - im Kontext der verfassunggebenden Versammlung. Dabei wird deutlich gemacht, dass die indigenen Organisationen in Bolivien keinen monolithischen Block darstellen, sondern äußerst heterogene Vorstellungen ihrer kulturellen Identität und bezüglich der notwendigen staatlichen Transformationen vertreten. Auch die Beziehungsverhältnisse zu anderen Sektoren der bolivianischen Bevölkerung werden anhand der Grammars of Identity/Alterity analysiert. Während die CSUTCB wirtschaftliche mit ethnischen Zielen verbindet und den Staat interkulturell gestalten will, definiert sich die CONAMAQ in erster Linie als "kulturelles Projekt", in dem vor allem indigene Autonomien und Selbstbestimmungsrechte angestrebt werden.
This article compares the identity constructions and politico-juridical demands of CONAMAQ and CSUTCB - which almost exclusively represent the Quechua and Aymara majority populations - in the context of the Constituent Assembly. It is shown that indigenous organizations in Bolivia can not be seen as a monolithical entity, but represent heterogeneous concepts of their cultural identity and necessary state transformations. The relations of those organizations between each other and with other sectors of the Bolivian population are analyzed by applying the Grammars of Identity/Alterity . Whereas CSUTCB articulates economic with ethnic demands, aiming to create an intercultural state, CONAMAQ defines itself as a "cultural project", seeking indigenous autonomy and the right to selfdetermination.