JEP 3/2008
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Ausgabe 2008/3
Wachstum - Umwelt - Entwicklung


Einleitung
Inhaltsverzeichnis und Abstracts


JEP AUSGABE
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Schwerpunktredaktion: Andreas Exenberger

Einleitung

Entwicklungsprozesse stoßen an ökologische Grenzen. Dieser Umstand ist keineswegs neu, durch die öffentlichen Debatten über Klimawandel aber omnipräsent geworden. Gefragt wird in dieser Ausgabe des JEP daher, ob ökologische Nachhaltigkeit und ökonomisches Wachstum einander ausschließende Zielperspektiven einer menschengerechten Entwicklung sind und auf welchem Entwicklungspfad wir uns eigentlich befinden. Eine adäquate Analyse dieser Frage muss zweifellos vielstimmig sein und theoretische wie praktische Zugänge vereinen. Dieses Heft wird daher Perspektiven verschiedener Wissenschaftsdisziplinen in Dialog zueinander bringen, um die vielfältigen Wechselwirkungen zu verdeutlichen.


Inhalt

Andreas Exenberger
Wachstum - Umwelt - Entwicklung

Gregor Kaiser
Gesellschaftliche Naturverhältnisse im 21. Jahrhundert: ökologische und soziale Gerechtigkeit, Wirtschaftswachstum und eine Kritik geistigen Eigentums
Abstract

Helmut Haberl
Ein weiter Weg zur Nachhaltigkeit: Analysen sozialökologischer Übergänge zeigen das Ausmaß nötiger Veränderungen auf
Abstract

Gilbert Ahamer
Im Spiegelkabinett unterschiedlicher Entwicklungsvorstellungen
Abstract

Sabine Beddies, Catherine D. Gamper
Equity and Political Economic Challenges in Development Interventions
Abstract

Uta Ammering, Martina Neuburger, Tobias Schmitt
Umwelt zwischen Wachstum und Entwicklung: Politische Ökologie von Umweltkonflikten in den Ländern des Südens
Abstract


Abstracts

Gregor Kaiser
Gesellschaftliche Naturverhältnisse im 21. Jahrhundert: ökologische und soziale Gerechtigkeit, Wirtschaftswachstum und eine Kritik geistigen Eigentums

Die Begrenztheit der Erde zur Bereitstellung von Ressourcen und zur Absorption der Schadprodukte menschlichen Wirtschaftens wird immer offensichtlicher: Klimawandel, Artensterben und die Degeneration der Ökosystemdienstleistungen sind eindeutig belegt, doch der Weg zur Behebung der ökologischen Krise ist umstritten. Weiteres Wirtschaftswachstum ist Ziel der globalen und nationalstaatlichen Politik, die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen werden in Kauf genommen oder negiert. Ziel des vorliegenden Artikels ist es aufzuzeigen, dass Wirtschaftswachstum eine Ursache der gegenwärtigen ökologischen Krise und nicht dessen Lösung ist; dass ökologische und soziale Fragen zusammengedacht werden müssen und es nicht das eine Verständnis von Gerechtigkeit oder Natur gibt. Das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse bietet dann die Folie, anhand derer das Konfliktfeld geistige Eigentumsrechte an genetischen Ressourcen aufgespannt und gezeigt wird, inwieweit es sich hierbei um Mittel der Kontrolle und Monopolbildung handelt, die nicht geeignet sind, zu ökologischer und sozialer Gerechtigkeit beizutragen.

The earth's capacity to offer resources for human productivity and to absorb hazardous waste is limited. Climate change, loss of biodiversity and the destruction of ecosystem services are but a few examples; however, the way out of this destructive path as well as the tools to handle the ecological crisis are contested. The aim of national and global politics remains economic growth, including all its destructive ecological and social side effects. I will show in this article that economic growth is one reason for the current ecological crisis and not its solution; I will also show that we have to disuses ecological and social aspects jointly and that there is not a single agreed meaning of nature or justice. Using the concept of "societal relationships with nature", I will demonstrate that intellectual property rights applied to genetic recourses are used for the purpose of controlling knowledge and people and building monopolies, but are not useful in achieving ecological and social justice.

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Helmut Haberl
Ein weiter Weg zur Nachhaltigkeit: Analysen sozialökologischer Übergänge zeigen das Ausmaß nötiger Veränderungen auf

In diesem Beitrag werden drei grundlegend unterschiedliche sozialökologische Regimes unterschieden: Jäger und Sammler, Agrargesellschaften und die Industriegesellschaft. Die Übergänge zwischen diesen Regimes verändern sozialökologische Systeme grundlegend, während innerhalb eines Regimes gradueller Wandel stattfindet. Zwei Drittel der Menschen befinden sich derzeit in einem rasanten Übergang von der agrarischen Subsistenzwirtschaft in die Industriegesellschaft. Viele globale Nachhaltigkeitsprobleme hängen unmittelbar damit zusammen. Die zentrale These des Beitrages lautet, dass die Industriegesellschaft von einer nachhaltigen Gesellschaft etwa ebenso weit entfernt ist wie von der Agrargesellschaft. Die Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung besteht, so gesehen, nicht darin, einige technische Innovationen zu implementieren - sie erfordert vielmehr eine grundlegende Re-Orientierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ausgehend von empirischen Befunden zur globalen Ressourcennutzung (Material- und Energieflüsse, Landnutzung) wird die Vorstellung problematisiert, eine Förderung von Öko-Effizienz wäre im Großen und Ganzen ausreichend, um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.

This article discerns between three fundamentally different socioecological regimes: that of hunter-gatherers, agrarian society and industrial society. Transitions between these regimes profoundly alter socio-ecological interactions, whereas change within a regime is gradual. Two thirds of the world population is currently within a rapid transition from agrarian subsistence to industrial society. Many global sustainability problems are a direct consequence of this transition. The central hypothesis discussed in this article is that industrial society is at least as different from a sustainable society as it is from the agrarian regime. The challenge of sustainability is, therefore, a fundamental re-orientation of society and the economy, not the implementation of a few technical fixes. Based on empirical data on global resource use (material and energy flows, land use), this article questions the notion that the promotion of eco-efficiency is sufficient for sustainability.

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Gilbert Ahamer
Im Spiegelkabinett unterschiedlicher Entwicklungsvorstellungen

Verschiedene Vorstellungen von "Entwicklung" erbringen unterschiedliche Handlungsempfehlungen. Entwicklungsoptimistische und entwicklungskritische Grundeinstellungen werden anhand von Literatur (Abschnitt 2) und Datenmaterial (Abschnitt 3) verortet. Aus einer evolutionären Perspektive wird versucht, diese antagonistische Verstehenssysteme von "Entwicklung" diskursiv zusammenzuführen. Als Versuch einer Vermittlung wird ein eigenständiges, evolutiv geprägtes Vorstellungsgebäude vorgeschlagen: Besonders in der Energiewirtschaft und der Landnutzung lässt sich eine langfristige globale techno-sozio-ökonomische Entwicklungsdynamik vermuten, welche durch eine Abfolge von zunächst anwachsenden und dann in Sättigung eintretenden Strukturparametern gekennzeichnet ist (= blossoming evolution , Abschnitt 4). Ein Denken in Transitionen (Abschnitt 5) erscheint somit begründet, angezeigt und hilfreich. Insgesamt wird also durch diesen Text die Einbettung von Entwicklungs-Maßnahmen in die ohnehin autopoietisch ablaufende evolutive Gesamtdynamik ins Blickfeld gerückt (Abschnitt 6).

Different concepts of "development" result in different recommendations for action. Such concepts might lead to a basically optimistic or pessimistic outlook on development, as is reported in the literature (section 2) and suggested by data analyses (section 3). Starting from an evolutionary perspective, this text attempts to establish a dialogue between both views. An original and evolutionary-oriented approach is suggested, based on analyses of energy demand and land use. The global techno-socio-economic dynamic of development appears to be characterized by a series of initially increasing and then saturated structural parameters ("blossoming evolution", section 4). Thinking in transitions (section 5) thus seems appropriate. This text places developmental measures in the context of the overall dynamics of evolutionary development that form the basis for any human action (section 6).

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Sabine Beddies/Catherine D. Gamper
Equity and Political Economic Challenges in Development Interventions

Despite the widely recognized need to foster pro-poor growth, the search for adequate policy mechanisms is ongoing. Economic gains at the aggregated country level often dominate assessments of development effectiveness, while distributional impact analyses at the disaggregated level identify persistent pockets of poverty and increasing inequality within countries. The reasons for this continuous challenge to devising more effective development strategies can be manifold: lack of contextual understanding, or prescription of 'one-size fits-all' reform policies in many international development organizations, as well as the underestimation of political economy factors where powerful interests acquire development benefits at the expense of already vulnerable groups. In response to these issues, development practitioners introduced instruments to tackle these pitfalls in their operational work - two of which are Poverty and Social Impact Analysis (PSIA) and a Conceptual Framework for the Analysis of the Political Economy of Reform . This paper aims to illustrate these instruments methodologically as well as applied in country cases. This should provide the basis for a discussion of the potential that these instruments can offer to support development operations to foster pro-poor growth. We will conclude our paper by outlining the remaining challenges.

Trotz der Erkenntnis, dass Wachstum, um nachhaltig zu sein, den Armen in der Bevölkerung nützen sollte, gibt es wenige Instrumente, die eine solche Zielimplementierung in der Praxis unterstützen können. Ökonomischer Nutzen wird bei der Analyse der Effektivität von Entwicklungsarbeit oft aggregiert betrachtet - gleichzeitig identifizieren disaggregierte Verteilungswirkungsanalysen jedoch weiterhin bestehende Armut und zunehmende Ungleichheit in vielen Ländern. Es gibt einige Gründe für diese Diskrepanz: das Fehlen von Verständnis für den Länderkontext; die Verschreibung seitens vieler internationalen Entwicklungsorganisationen von einheitlichen Rezepten für verschiedene Länder; und auch die Unterschätzung von politisch ökonomischen Faktoren, wo starke Interessengruppen den Nutzen von Entwicklungsinitiativen für sich maximieren, oft auf Kosten von verletzlicheren Bevölkerungsgruppen. Antwort auf diese Probleme wollen Instrumente wie Poverty and Social Impact Analysis (PSIA) und ein Conceptual Framework for the Analysis of Political Economy of Reform in der Praxis bieten. In diesem Beitrag wollen wir diese, von der Weltbank genutzten, Instrumente aufzeigen, sowohl methodologisch als auch angewandt auf Länderbeispiele. Basierend auf dieser Diskussion, analysieren wir, inwiefern solche Instrumente dazu beitragen können, den Fokus der Entwicklungspraxis mehr auf armutsreduzierendes Wachstum zu lenken. Wir schließen diese Diskussion mit einem Ausblick auf offene Fragen und verbleibende Herausforderungen, die künftig adressiert werden müssen.

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Uta Ammering/Martina Neuburger/Tobias Schmitt:
Umwelt zwischen Wachstum und Entwicklung: Politische Ökologie von Umweltkonflikten in den Ländern des Südens

Umweltprobleme in den Ländern des Südens sind (fast) allgegenwärtig und meist gleichzeitig Ergebnis und Hindernis von Wachstum und Entwicklung. In einer politisch-ökologischen Betrachtungsweise werden sie jedoch nicht nur als Folge, sondern auch als Ursache und Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen und Machtverhältnisse interpretiert. Asymmetrische Machtverteilungen führen zu Umweltkonflikten, in denen die einzelnen Akteure in unterschiedlicher Form VerursacherInnen und Betroffene von Umweltdegradierung sind. Im vorliegenden Beitrag werden diese Wechselbeziehungen anhand zweier Beispiele exemplarisch dargestellt. In der ersten Detailstudie steht die ökologisch wie sozioökonomisch folgenschwere Flussableitung des Rio São Francisco im Nordosten Brasiliens im Zentrum des Interesses. Die zweite Detailstudie beschäftigt sich mit dem Abfallsektor in Maputo (Mosambik) und verknüpft die Analyse der Wertschöpfungskette dieses Wirtschaftskomplexes mit der Untersuchung der Verwundbarkeiten von AbfallsammlerInnen des informellen Sektors.

Environmental problems in the global south are omnipresent and in most cases are simultaneously a result of, and obstacle to, growth and development. The approach of Political Ecology interprets these environmental problems both as motive for and expression of social structures and power relations. Power inequalities provoke environmental conflicts where the actors are both producers and sufferers of the environmental degradation in differing forms of involvement. The two case studies presented in this article exemplify these interdependencies. The first case study focuses on the far-reaching ecological and socio-economic impacts caused by the river diversion project of Rio São Francisco in northeast Brazil. The second case study shows the relations between the value chain of the waste sector and the vulnerabilities of informal waste collectors in Maputo (Mozambique).

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