

Ausgabe 2009/3
Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat
Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe?

Schwerpunktredaktion: Markus Auinger
Einleitung / Introduction
Solidarische Ökonomie sucht nach Alternativen zu einem finanzmarktgesteuerten Kapitalismus, wobei die wirtschaftlichen Aktivitäten auf neuen Werten und Konzepten fußen sollen. Der Aufbau einer alternativen Wirtschaft scheitert jedoch oft, weil die kapitalistischen Marktlogiken nicht ausgeschaltet werden können. Aus diesem Grund ist die Frage zu beantworten, welche Markt- und Staatselemente erforderlich sind, um jene Gesellschaftsveränderung zu ermöglichen, die mit einer Solidarischen Ökonomie einhergeht.
Solidarity Economics wants to offer alternatives to a capitalism governed by financial markets by building economic activity upon new values and concepts. However, the construction of an alternative economy often fails in its attempt to disable capitalist logics of markets. The question of which elements of state and market are necessary to facilitate the social transformation that goes along with a Solidarity Economy is therefore crucial.
Markus Auinger
Introduction: Solidarity Economics - emancipatory social change or self-help?
Maurício Sardá de Faria, Gabriela Cavalcanti Cunha
Self-management and Solidarity Economy: the challenges for worker-recovered companies in Brasil
Astrid Hafner
Genossenschaftliche Realität im baskischen Mondragón
Andreia Lemaître
The institutionalization of 'work integration social enterprises'
Manfred F. Moldaschl, Wolfgang G. Weber
Trägt organisationale Partizipation zur gesellschaftlichen Demokratisierung bei?
Abstracts:
Introduction: Solidarity Economics - emancipatory social change or self-help?
Markus Auinger
The continuing debate about Solidarity Economics discusses initiatives, in the most diverse social spheres, which want to offer alternatives to a capitalism governed by the financial markets. Self-management, alternative forms of exchange and barter, as well as various social experiments, are elements of an economy, which shall be built upon new values and concepts. The focus on the supply side criticizes the 'original accumulation', as described by Marx, and aims at facilitating a democratic and egalitarian form of production. Many examples in southern countries as well as in Europe show that it is possible to realize alternative forms of production and economy on different scales. The only remaining question is whether they represent a mere reaction to precarious living and working conditions motivated by self-help, or if is possible to identify an emancipatory project of social change behind it. This introduction therefore outlines the conceptual framework for the current issue of the journal, presenting some of the most important arguments and contextualizing the individual contributions.
Unter der Bezeichnung Solidarische Ökonomie werden seit geraumer Zeit Initiativen diskutiert, die in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen Alternativen zum finanzmarktgesteuerten Kapitalismus anbieten wollen. Betriebliche Selbstverwaltung, alternative Formen des Tausches sowie vielfältige soziale Experimente sind jene zentralen Elemente einer Ökonomie, die auf neuen Werten und Konzepten aufbauen soll. Der angebotsseitige Fokus kritisiert die "ursprüngliche Akkumulation" im marxschen Sinn und zielt darauf ab, eine demokratische und egalitäre Produktion von Waren und Dienstleistungen zu ermöglichen. Zahlreiche Beispiele aus südlichen Ländern, aber auch aus Europa zeigen, dass es möglich ist, alternative Produktions- und Wirtschaftskonzepte in unterschiedlichen Dimensionen umzusetzen. Fraglich ist dabei, ob es sich lediglich um Reaktionen auf prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen handelt, mit dem Motiv der Selbsthilfe, oder ob dahinter ein emanzipatorisches Projekt mit gesellschaftsveränderndem Potenzial steht. Diese Einleitung umreißt die konzeptionellen Grundlagen des vorliegenden Schwerpunktheftes, indem sie die wichtigsten Argumente zusammenfasst und die einzelnen Beiträge vor diesem Hintergrund verortet.
Self-management and Solidarity Economy: the challenges for worker-recovered companies in Brasil
Maurício Sardá de Faria, Gabriela Cavalcanti Cunha
This article focuses on the experiences of worker-recovered enterprises in Brazil that became self-managed organizations. By tracing their origins, characteristics and relations to the widest field of Solidarity Economy, we discuss some of their present challenges, including their relationship with the State, the trade unions and others. We start by outlining the major discussions about adequate terminology, which at the same time provides the first insights into the social and economic structure of the sector. In the following parts we briefly portray the history of worker-recovered enterprises in Brazil, followed by some exemplary enterprises, which were successfully taken over by their workers, and leading to the institutional surroundings of the Brazilian Solidarity Economy sector. The article then goes into more detail and will try to systematize the different kinds of enterprises active in the sector, finishing with a discussion of the most important current challenges and perspectives of worker-recovered enterprises.
Der vorliegende Artikel widmet sich den Erfahrungen "instandbesetzter" Betriebe, die von den ArbeiterInnen in Selbstverwaltung geführt werden. Indem wir ihren Ursprüngen, Charakteristika und vielfältigen institutionellen Beziehungen im weiten Feld der Solidarischen Ökonomie nachgehen, diskutieren wir einige ihrer aktuellen Herausforderungen. Diese finden sich vor allem im Verhältnis zum Staat, zu den Gewerkschaften und anderen AkteurInnen. Der Text umreißt zu Beginn die Hauptdiskussionslinien zur Terminologie, womit gleichzeitig die ersten Einblicke in die soziale und ökonomische Struktur des Sektors geboten werden. In den darauf folgenden Abschnitten beleuchten wir kurz die Geschichte instandbesetzter Betriebe in Brasilien, die wir mit einigen Beispielen für geglückte Betriebsübernahmen ergänzen. Im Anschluss daran wird das institutionelle Umfeld der Betriebe beschrieben und eine Systematisierung des Sektors dargestellt. Abschließend widmen wir uns den wichtigsten aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der betrachteten Unternehmungen.
Genossenschaftliche Realität im baskischen Mondragón
Astrid Hafner
Der vorliegende Artikel beschreibt die größte Industriekooperative der Welt, die im baskischen Mondragón seit über fünfzig Jahren den schwierigen Interessensausgleich zwischen externen Marktzwängen und genossenschaftlicher Unternehmenslogik herzustellen versucht. Zunächst werden dafür die Entstehungsgeschichte und die organisationale Funktionsweise des Kooperativennetzwerkes beschrieben. Mit Hilfe des Weber'schen Ansatzes von "Gemeinschaftshandeln", der allgemeinen theoretischen Interpretation von Genossenschaften nach Amman sowie des soziologischen Verständnisses lebensweltlicher Strukturen von Schütz und Luckmann wird in der Folge auf die spezifischen Ausformungen der Solidarischen Ökonomie in Mondragón eingegangen. Die empirischen Daten, auf welche durchgängig verwiesen wird, basieren auf einer 2007 durchgeführten Feldforschung. Der Artikel skizziert, wie der Genossenschaftsgedanke in Mondragón auf vielfältigen Ebenen Einzug gehalten und die regionale Gesellschaft ein Stück weit demokratisiert und inspiriert hat.
This article describes the biggest global industrial cooperative, which over the last 50 years has successfully established a balance of interests between external market necessities and cooperative logics of corporate management. It begins with a portrayal of the origins, organizational structure and functioning of the cooperative network. Drawing on Weber's approach of community action, the general theoretical interpretation of cooperatives by Amman and the sociological understanding of structures of life-world by Schütz and Luckmann, the text then goes on to analyze the specific implementation of a Solidarity Economy in Mondragón. The empirical data to which the article refers is based on a field study conducted in 2007. On the whole the article describes how the idea of cooperativism found its way into manifold levels of life in Mondragón and managed to considerably democratize and inspire the local community.
The institutionalization of 'work integration social enterprises'
Andreia Lemaître
The concept of political embeddedness offers a way to analyze the processes of the institutionalization of organizations according to a twofold movement: on the one hand, how did they participate in the development of public policies and, on the other hand, to what extent do such policies influence the publicly recognized organizations? In the field of social enterprises actively involved in the integration of disadvantaged people into the labour market, this movement is quite clear. In Belgium, and in the European countries in general, these enterprises have contributed to the development of active labour market policies, constituting today an implementation tool of such policies. The article aims to examine in what ways this institutionalization affects the objectives, the governance structures and the resources of such enterprises.
Der Prozess der Institutionalisierung von Organisationen kann mit dem Konzept der politischen Einbettung in zweierlei Hinsicht analysiert werden: einerseits kann gefragt werden, wie die Organisationen an der Entwicklung von staatlicher Politik beteiligt sind, und andererseits, in welchem Ausmaß diese Politik die Organisationen selbst beeinflusst. Im Falle der Sozialunternehmen, die aktiv in die Integration von benachteiligten Menschen am Arbeitsmarkt involviert sind, sind diese Fragen einfach zu beantworten: In Belgien und generell in den europäischen Ländern haben diese Unternehmen zur Entwicklung von aktiver Arbeitsmarktpolitik beigetragen, heute stellen sie selbst ein Instrument zur Umsetzung entsprechender Maßnahmen dar. Der Artikel untersucht, auf welche Art diese Form der Institutionalisierung die arbeitsmarktpolitischen Ziele, Governance-Strukturen und Ressourcen der betrachteten Unternehmen beeinflusst.
Trägt organisationale Partizipation zur gesellschaftlichen Demokratisierung bei?
Manfred F. Moldaschl, Wolfgang G. Weber
Unser Beitrag thematisiert eine Frage, die in Diskursen zur Solidarischen Ökonomie und organisationalen Partizipation häufig als unreflektierte Prämisse zu finden ist und als solche nur selten diskutiert wird: nämlich dass betriebliche Mitbestimmung zur gesellschaftlichen Demokratisierung beitrage. Wir zeigen unter anderem anhand eigener empirischer Studien, dass man die Beziehung dieser beiden Prinzipien besser als Spannungsverhältnis begreift denn als wechselseitigen oder gar eindimensionalen Kausalzusammenhang (Demokratisierung durch Partizipation). Unsere Untersuchungen liefern auch Argumente gegen das - konträr zu unserer Zugangsweise verstandene - "Kausaldenken", wonach Partizipation nur nach der Abschaffung oder dem Zusammenbruch des Kapitalismus im Interesse der Beschäftigten sein könne. Unser Fazit: Statt in kausalen "Effekten" von Beteiligungsmaßnahmen zu denken, geht es um "Koevolution", die in einem größeren Kontext zu betrachten ist. Und diesen Kontext, die institutionellen Einbettungen, formatiert nicht nur "der Kapitalismus". Ob Partizipation zur Demokratisierung beiträgt, hängt ferner ab vom bewussten Umgang mit den "Nebenfolgen" gut gemeinter Solidarökonomie.
In this paper we discuss assumptions that are taken for granted in discourses on solidarity economy and organizational participation. One is that organizational participation contributes to the democratization of society -independently from the context. Based on our own empirical results, we argue in contrast that the relation is better conceptualized as a tension instead of a determination. Our studies also support arguments against the opposing causal assumption that 'real' participation can only serve employees' interests 'after capitalism'. Our conclusion is that we should dispense with causal thinking in terms of 'participation effects'. It's all about 'coevolution in context'. And the institutional context is not only shaped by capitalism. As our results furthermore indicate, whether organizational participation contributes to social democratization or not depends on how stakeholders deal with the (unintended) side-effects of good intentions in instances of solidarity economy.