Fotostrecke & Veranstaltungsbericht

"Dependenztheorien reloaded" bei der Mid-Term-Conference des Critical Political Economy Research Network (CPERN) 27.-28. Mai, Ljubljana

 

Am 27. und 28. Mai 2016 wurde das JEP 3/2015 „Dependenztheorien reloaded“ im Rahmen der diesjährigen Mid-Term-Conference des Critical Political Economy Research Network in Ljubljana präsentiert und diskutiert. Unter dem Titel „Dependency and development: Latin American concepts for Europe“ präsentierten unter anderem die Schwerpunktredakteure Stefan Pimmer und Lukas Schmidt sowie unsere Vorstandsmitglieder Karin Fischer, Johannes Jäger und Stefanie Hürtgen ihre jüngsten Forschungsergebnisse zum Thema.

 

 

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Dependenztheorien reloaded

 

Stefan Pimmer und Lukas Schmidt plädieren in ihrem Schwerpunktheft „Dependenztheorien reloaded“ für den analytischen Mehrwert der Dependenztheorien. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Plural gelegt: Während kritische Auseinandersetzungen mit den Dependenztheorien zumeist eine reduktionistische Lesart aufweisen, plädieren die beiden für eine genauere Betrachtung der Debatten und die Berücksichtigung der Komplexität der dependenztheoretischen Auseinandersetzungen. Die Dependenztheorien, so Pimmer und Schmidt, seien jedenfalls weitaus mehr als nur eine bloße Umkehr der Modernisierungstheorien. Vielmehr bieten sie eine fruchtbare Grundlage zur Erforschung der Vielschichtigkeit und Komplexität von Abhängigkeitsverhältnissen. Es sei an dieser Stelle auf die umfangreichen Debatten der Protagonist_innen wie etwa Ruy Mauro Marini, Vania Bambirra, Fernando Henrique Cardoso, Osvaldo Sunkel und Theotonio dos Santos verwiesen. Für die beiden Schwerpunktredakteure steht fest, dass zwar eine theoretische Aktualisierung der Konzepte notwendig ist. Für eine politökonomische Analyse beispielsweise der Krise der europäischen Integration oder der lateinamerikanischen Mitte-Links-Regierungen liefern der Begriff der Abhängigkeit oder andere dependenztheoretische Konzepte wichtige Ansatzpunkte.

 

Konferenz-Panel: Dependenztheorien als Methodik kritischer politischer Ökonomie

 

Johannes Jäger knüpft in seinem Beitrag an diese These an. Die Dependenztheorien seien nicht nur als theoretisches Konzept auf abstrakter Ebene anzusehen, sondern als konkrete Methodologie, um im Rahmen des politökonomischen Paradigmas Abhängigkeitsverhältnisse bzw. asymmetrische Beziehungen in der Weltwirtschaft zu verstehen. Auf einem niedrigen Abstraktionsniveau angesiedelt, erlauben es die Dependenztheorien, ökonomische und politische Dimensionen von Abhängigkeit zu verbinden und im Sinne einer Konjunkturanalyse zu operationalisieren. Johannes Jäger plädiert für eine stärkere (interdisziplinäre) Zusammenarbeit, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen und konkrete politische Handlungsmöglichkeiten abzuwägen.

 

Das Konzept der strukturellen Heterogenität – wiederentdeckt für ein besseres Verständnis der europäischen Gesellschaften

 

Stefanie Hürtgen greift in ihrem Vortrag das Konzept der strukturellen Heterogenität auf. Im Rahmen der dependenztheoretischen Debatten der 1960er und 1970er Jahre entwickelt, wurde damit auf die heterogenen Strukturen peripherer Ökonomien Bezug genommen. Konkret analysierten die Dependenztheoretiker_innen damit die Problematik einer modernisierten Rohstoffexportsektors mit relativ hoher Kapitalausstattung, gut ausgebildetem Personal und entsprechenden Löhnen auf der einen Seite sowie einem von Subsistenzwirtschaft und informeller Arbeit geprägtem Binnensektor. Die Kritik an den gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Außenorientierung der lateinamerikanischen Ökonomien und ihrem spezifischen Klassencharakter waren zentraler Gegenstand der dependenztheoretischen Analysen. Stefanie Hürtgen greift dieses Konzept auf und stellt die Frage nach dem Erkenntnisgewinn für die europäische Situation: In Zeiten zunehmender Divergenz erscheint es durchaus sinnvoll, die größer werdende soziale und ökonomische Schere im Sinne der strukturellen Heterogenität aufzufassen.

 

Dependenz und Ökologie

 

Dass die Frage rohstoffbasierter Entwicklung allerdings in den (semi-) peripheren Ökonomien keineswegs irrelevant geworden ist, zeigt Joachim Becker in seinem Beitrag. Er plädiert für eine integrierte regulationstheoretische Lesart der Dependenztheorien, um das Verhältnis von Abhängigkeit und Ökologie begreifbar zu machen. Speziell die regulationstheoretische Kategorie der „ökologischen Restriktion“ verweist aus seiner Sicht auf die gesellschaftliche Prägung ökologischer Verhältnisse in der globalen (Semi-) Peripherie. Wie Gewinne aus dem Rohstoffgeschäft verteilt werden spielt dabei ebenso eine entscheidende Rolle wie die Frage nach der Verteilung der Kosten.

 

(Kollektive) Self -Reliance als Ausweg?

 

Wie lassen sich Abhängigkeitsverhältnisse überwinden? Dieser Frage geht Karin Fischer in ihrer historischen Spurensuche nach. Das Konzept der „(collective) self reliance“ wird in ihrem Beitrag in seinen unterschiedlichen Facetten dargestellt. Auf der einen Seite als Konzeption der Blockfreienbewegung: Hier wurde die Strategie einer Süd-Süd-Kooperation und größeren Abschöpfung von Rohstoffrenten als politische Grundlage für nachholende Entwicklung im Rahmen einer angestrebten neuen Weltwirtschaftsordnung angesehen. Weitaus umfassender dachten das Konzept die Dependenztheoretiker_innen. Samir Amin und Johann Galtung sahen darin eine Entwicklungsstrategie, die auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse und Ernährungssouveränität abstellt und bereits eine ökologische Komponente beinhaltete. Als grundlegend galt den beiden eine demokratische Willensbildung von unten. In einem zweiten Teil betrachtet und bewertet Fischer praktische Ansätze einer kollektiven Self-reliance in Geschichte und Gegenwart, von ujamaa in Tanzania über die Bolivarische Allianz ALBA bis zu Community-Initiativen im globalen Süden. Ihr Befund: Ein interessantes Konzept, das von lokalen Initiativen und ALBA teilweise verwirklicht wird, als Integrationsmodus aber selbstredend die Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse voraussetzt.

 

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