Donnerstag 24. Januar 2019
Fotostrecke & Veranstaltungsbericht

Migrationsmanagement: Praktiken, Intentionen, Interventionen.

Die neueste Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik thematisiert einen migrationspolitischen Ansatz, der seit mehr als zwei Jahrzehnten existiert und doch von höchster Aktualität ist. Am 31. Mai 2017 fand die Präsentation von Migrationsmanagement: Praktiken, Intentionen, Interventionen mit anschließender Diskussionsrunde statt.

 

 

 

 

 

 

 

Migrationsmanagement – Was ist das?

 

Die AutorInnen beschäftigen sich in ihren Beiträgen kritisch mit Themenfeldern rund um „Migrationsmanagement“. Gemeint ist damit eine Idee, die Migration nicht nur als natürlichen und steuerbaren Prozess, sondern auch als optimierbar sieht. Institutionen wie die Europäische Union, aber auch einzelne PolitikerInnen propagieren einen „triple win“, also einen Gewinn sowohl für Herkunfts- und Aufnahmeländer als auch für migrierende Personen. Unhinterfragt blieben dabei meist jedoch Machtasymmetrien, Differenzierungen, Kategorisierungen und Ausschlüsse. Durch den neoliberalen Nützlichkeitsdiskurs wird der Begriff „Migrationsmanagement“, der Anfang der 1990er-Jahre noch negativ besetzt war, heutzutage von Eliten als unhinterfragt objektives Konzept verbreitet. Die AutorInnen der Ausgabe kritisieren, dass Migration dadurch zum einen als technokratische, „unpolitische“ Angelegenheit angesehen wird und zum anderen anfallende Probleme in diesem Bereich nur dem „Missmanagement“ zugeschrieben werden.

 

Unterschiedliche Zugänge.

Die Artikel im Heft zeigen die große Breite an Zugängen zu diesem komplexen Thema auf. Die bei der Präsentation anwesende Schwerpunktredaktion machte deutlich, dass einerseits große Heterogenität bei den betroffenen AkteurInnen besteht und andererseits auch etliche Bereiche der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft davon betroffen sind. So teilte Alev Korun (Abg.z.NR) zu Beginn der Veranstaltung parlamentarische Diskurse zu Migrationsmanagement mit dem Publikum. Darauf folgend stellten die AutorInnen der Schwerpunktredaktion ihre Texte aus dem Journal vor.

 

Migrationsmanagement und das (Post-)Gastarbeitsregime.

 

In ihrem Artikel „Migrationsmanagement und das (Post-)Gastarbeitsregime: (Dis-)Kontinuität am Beispiel Österreichs“ beschäftigen sich Irene Messinger und Viktorija Ratković

 mit dem migrationspolitischen Richtungswechsel in Österreich. Beginnend mit der Zeit der „Gastarbeit“ in den 1960er Jahren wird die Entwicklung und Etablierung des Migrationsmanagements und dessen Auswirkungen auf bestimmte „Figuren der Migration“ beleuchtet. Die Autorinnen stellen vier Figuren vor, von denen drei in den Bereich der Arbeitsmigration fallen: hochqualifizierte Personen, Care-ArbeiterInnen und SaisonarbeiterInnen. Als vierte Figur, die aber jeder der drei anderen Figuren inhärent sein kann, nennen sie Geflüchtete. Institutionen und PolitikerInnen heben immer wieder den ökonomischen „Verwertungshintergrund“ hervor. So wird schon seit fast 60 Jahren zwischen „Armutsmigration“ und „gewünschter Migration“ unterschieden. Geändert habe sich lediglich die Zielgruppe. Seien früher noch Migrierende mit hoher körperlicher Kraft bevorzugt worden, so finde heutzutage regelrecht ein internationaler Wettkampf um „die besten Köpfe“ statt. Gleichgeblieben sei die Auswahl nach „Nützlichkeitskriterien“, welche von Herkunft, Geschlecht, Alter und Ausbildung abhingen. Diejenigen, die nicht diesen Kriterien entsprechen, müssen mit Abweisung und Rückschiebung rechnen. Auch Geflüchtete werden der Logik des Migrationsmanagements unterstellt und sind von Selektion betroffen, und das, obwohl – wie die Autorinnen zeigen – ein völlig anderer Migrationszusammenhang vorliegt und sie nach der Genfer Konvention Anspruch auf Prüfung ihres Asylbegehrens haben.

 

Staatsbürgerschaftspolitik als Instrument des Migrationsmanagement.

 

Gerd Valchars Artikel „... was wir und von einem Zuwanderer erwarten“ - Die österreichische Staatsbügerschaftspolitik als Migrationsmanagement widmet sich den Berührungspunkten von Migrationsmanagement und Staatsbürgerschaftspolitik. Die Einbürgerungspolitik sei ein Politikfeld um Migration zu beeinflussen, so der Autor. Unterstützt durch Zitate hochrangiger österreichischer PolitikerInnen verdeutlicht er, wie Zuwanderung mit Einbürgerung im parlamentarischen Diskurs gleichgesetzt wird. Außerdem zeigt Valchars auf, dass ein Diskurs vorherrscht, der besagt, dass man Zuwanderung durch restriktive Regelungen der österreichischen Staatsbürgerschaft einschränken könne. In der Diskussion um die Einbürgerung spielt die „Nützlichkeit“ von potentiellen StaatsbürgerInnen wiederum eine entscheidende Rolle. So soll es, wenn es „im besonderen Interesse der Republik liegt“, zu einer begünstigten Einbürgerung und damit einhergehend zu einem Vorteil und/oder Prestige für Österreich kommen, so beispielsweise die Argumentation der Österreichischen Volkspartei.

 

Migrationsmanagement und die Internationale Organisation für Migration.

 

Managing Migration with Stories? The IOM „i am a migrant“ Campaign von Sara de Jong und Petra Dannecker analysiert den Inhalt, das Ziel, die Aufbereitung und das Publikum der „i am a migrant“ Kampagne. Diese dokumentiert Fluchtgeschichten sowie die Situation in Aufnahmeländern. Die Autorinnen hinterfragen, inwiefern die IOM (Internationale Organisation für Migration) durch ihre Kampagne die öffentliche Meinung in den Aufnahmeländern beeinflusst. Dabei stellen sie fest, dass die Webseite der „i am a migrant“ Kampagne eine naturalistische Verbindung der migrierten Personen zu ihren Herkunftsländern suggeriert. Migrierende, die nicht auf der Webseite zu Wort kommen, sind außerdem vom Narrativ ausgeschlossen, so die Autorinnen.

 

Die Wichtigkeit kritischer Forschung.

 

Nachdem die Vortragenden ihre Beiträge vorgestellt hatten, kam es zum offenen Gespräch mit dem Publikum. Im Zentrum stand die Frage, ob man denn Migration überhaupt managen könne? Außerdem äußerte sich eine Mitarbeiterin von IOM zum Beitrag von de Jong und Dannecker. Als die Moderation (Stefanie Mayer, Politikwissenschafterin, FH Campus Wien) zum Abschluss fragte, warum kritische Migrationsforschung wichtig sei, waren sich alle AutorInnen einig, dass man dieses Feld nicht der unkritischen Wissenschaft überlassen dürfe. Es brauche die kritische, wissenschaftliche Analyse, so Gerd Valchars, die vorherrschende Machtverhältnisse im Migrationsmanagement offen legt.

 

Von Jutta Bichl

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

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