Donnerstag 21. März 2019
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Zwischen Weltbank und Progressismo: Die Mittelklasse in Lateinamerika

Richtet man sich nach der Definition der Weltbank, dann  ist Lateinamerika heute zu einer Region der Mittelklasse geworden. Wie aber lässt sich das mit der bestehenden sozialen Ungleichheit auf dem Kontinent vereinbaren? Die vierte Ausgabe 2017 des Journals für Entwicklungspolitik beschäftigt sich unter anderem mit diesem Widerspruch. 

 

 

 

 

Am 3. April 2018 wurde die neue Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP XXXIII, 04/17) vorgestellt, das die Mittelklasse in Lateinamerika thematisierte. Zu Gast waren die beiden Herausgeber der Ausgabe Tobias Boos (University College London) und Gregor Seidl (Universität Wien) sowie Marcela Torres (Interdisziplinäre Lateinamerika-Studien, Universität Wien), die bei der Präsentation einen Kommentar zur Ausgabe verfasste.
Gregor Seidl nannte verschiedene Aspekte, die seiner Ansicht nach zentral seien, um die Mittelklasse in Lateinamerika zu erfassen: Eine Klärung der Definition von Mittelklasse, historische und ökonomische Dimensionen, der Zugang zu Bildung sowie das Verhältnis der Mittelklasse zu Ressourcenverbrauch und Landnahme. Auch das Verhältnis zum Staat, die Positionierung in kolonial-rassistischen Hierarchien und ideologische Verhältnisse dürften in der Analyse nicht außer Acht gelassen werden.


Definition der Mittelklasse

 

2014 verkündete die Weltbank, dass sich Lateinamerika zu einer Mittelklasseregion entwickelt habe. Boos und Seidl gingen im ersten Artikel „Rise of the Latin American Middle Class – or (Statistical) Storm in a Teapot?“ der vorgestellten JEP-Ausgabe näher auf diese Entwicklung ein. Sie bezogen sich dabei auf Dieter Boris (Philipps-Universität Marburg), der ebenfalls für die präsentierte JEP-Ausgabe als Autor gewonnen werden konnte. Boris hält fest, dass Lateinamerika noch immer als jener Kontinent gelte, in dem soziale Ungleichheit traditionell am stärksten ausgeprägt sei. Die CEPAL (Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik) hingegen veröffentlichte 2017 Zahlen, die einen Rückgang des absoluten Hungers von 19,3 auf 11,8 Prozent belegten. Die beiden Herausgeber kritisierten die Definition von Mittelklasse auf Basis statistischer Erhebungen, da hier ausschließlich relative oder absolute Einkommensmaße als Maßstab für eine Abgrenzung von Mittelklassen herangezogen würden. Beispiele aus Argentinien und Kolumbien sollten diese Problematik verdeutlichen.

 

Kirchnerismus und der Konsumpakt in Argentinien

 

An Hand der Entwicklungen in Argentinien könne gezeigt werden, inwiefern linksnationalistische Politik das Konsumniveau der Mittelklasse anheben konnte, während andere Bereiche brach lagen. Boos sprach dabei über den Konsumpakt und zeigte die wichtige Rolle des Kirchnerismus in Argentinien auf. Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner waren von 2003 bis 2015 in Argentinien während drei Legislaturperioden an der Macht. Mit dem Konsumpakt meint Boos, dass die progressiven Regierungen das Konsumniveau der popularen Klassen sowie der (unteren) Mittelklassen erfolgreich anheben konnten, während an den Besitz- und Machtverhältnisse im Land allerdings nichts geändert wurde. Der „Kirchnerismus“ wird als linksnationalistische Politik beschrieben, die Argentinien in die außenpolitische Isolation und in den wirtschaftlichen Stillstand getrieben hätte. Als die Kirchners an die Macht kamen, wurde ihnen ein antiperonistischer Stil assoziiert. Cristina Fernández de Kirchner hatte mehrmals den Vorsitz der peronistischen Partei inne. Deren Leitlinien gehen auf Juan Perón zurück, der 1946 zum Präsidenten gewählt worden war. Seine Politik zielte auf die Gewährleistung sozialer Stabilität. Eine peripher-fordistische Politik sollte zentrales Mittel sein, um Orientierungsakzente für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung zu setzen. Auch wenn der Peronismus eine Vielzahl von Veränderungen innerhalb der Bewegung durchlief, ist er noch heute eine prägende politische Kraft in Argentinien.

Mittelklasse in Kolumbien

 

Am Beispiel Kolumbien wies Marcela Torres auf Probleme der Korruption und der ungleichmäßigen Bevorzugung der Mittelklasse verschiedener Regionen hin. Sie erklärte, dass es in Kolumbien viele Versprechen der Regierung an die Mittelklasse gegeben hätte, dass die Kluft zwischen reich und arm kleiner werde. Als „arm gilt, wer monatlich unter 75€ verdient.“, bezieht sich Torres auf das Statistikamt DANE  (Departamento Administrativo Nacional de Estadística). Statistiken würden auch zeigen, dass gewisse „estratos“ (Schichten) für die Regierung interessanter gewesen seien als andere. Zwei von sechs Schichten machen insgesamt 80% der Bevölkerung in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, aus. Die Überzeugung dieser Schichten könne sich sehr vorteilhaft für eine Regierungsbildung auswirken. Weiters erklärte Torres, dass die Mittelklasse in ruralen Gebieten nicht mit jener in den Städten vergleichbar sei. Die ländliche Mittelklasse besitzt  in Kolumbien nur etwa 18 Prozent der Gesamtfläche des Landes. Der Verbrauch von mehr Ressourcen und der Ausbau von Energiegewinnung gingen auf Kosten der Umwelt, was in ruralen Gebieten am deutlichsten spürbar sei. Torres bilanzierte zum Schluss: „Fokus auf die Städte, Probleme am Land werden ignoriert, die Natur wird ausgebeutet, die Politik für Stimmenfang missbraucht!“

Fazit

 

Die besprochenen Beispiele würden zeigen, dass es wichtig sei zu hinterfragen, ob die Politiken und gesellschaftlichen Entwicklungen in Lateinamerika die realen Ursachen sozialer Ungleichheit wirklich bekämpfen würden. Der Horizont sich „flächendeckend verteilender“ Mittelklassen sei also nicht so positiv, wie es seitens internationaler Entwicklungsorganisationen wie der Weltbank dargestellt wird.

 

 

Ein Bericht von Philipp Scheffknecht

 

Der Autor ist Praktikant des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

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