Freitag 22. Februar 2019
Joachim Becker, Andrea Komlosy (Hg.)

Grenzen Weltweit. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich

Allerorts ist seit dem Fall des Eisernen Vorhanges von der Aufhebung von Grenzen die Rede, von Integration und Freizügigkeit als Ausdruck eines zusammenwachsenden "Global Village". Die Vervielfachung und Beschleunigung der Kapital-, Waren- und Migrationsströme gilt dafür als Indikator. Es scheint, als gehörten Grenzen der Vergangenheit an.

Bei näherem Hinsehen springen gleichwohl alte und neue Barrieren ins Auge. Zwar gibt es keinen Eisernen Vorhang und keine Berliner Mauer mehr, "Schengen" und die Befestigungslinie zwischen den USA und Mexiko grenzen indes Zentralräume von Randgebieten ab. Zudem existieren Mauern zwischen Stadtvierteln unterschiedlicher religiöser und ethnischer Gruppen von Belfast über Ustí/Labem bis Jerusalem. Zur Isolierung der Palästinenser in den besetzten Gebieten wird von Israel eine modernisierte Variante des "Eisernen Vorhangs" fertiggestellt. Neue Grenzen entstehen durch neue Staatsgründungen von Estland bis Moldawien. Zonen, Linien, Marken und Mauern sind also keineswegs von der Landkarte verschwunden.

In dem Maße, wie der Staat an Kraft verliert, gewinnt die Region an Bedeutung. Das Bemühen einzelner Regionen, sich im Standortwettbewerb in Szene zu setzen, begünstigt die jeweilige regionale Identität. Diese beruft sich auf Geschichte und Kultur und betont ihre Besonderheit. Sie zieht Grenzen zwischen dem "Eigenen" und dem "Fremden". Regionalismus tritt bei wettbewerbsfähigen Regionen zu Tage, die sich von schwächeren Konkurrenten abgrenzen wollen (Beispiel: "Padanien" gegenüber Italien, Slowenien gegenüber Jugoslawien, Tschechien gegenüber der Slowakei). Und er zeigt sich in peripherisierten Regionen, die die unfreiwillige Abkoppelung durch Beschwörung einer besonderen regionalen oder nationalen Identität kompensieren (Beispiel: Serbien).

Schließlich bringt der Übergang vom Wohlfahrts- zum Wettbewerbsstaat auch neue soziale Grenzziehungen mit sich. Auch in den so genannten entwickelten Ländern klaffen neuerdings überwunden geglaubte Gräben zwischen Reich und Arm. Umgekehrt schaffen MigrantInnen, die in ihrer Herkunftsregion keine Überlebensgrundlage mehr finden, neue soziale Milieus, die sich entlang transnationaler Achsen vernetzen, in den "Gastländern" jedoch oft scharfer Ghettoisierung ausgesetzt sind.

Im vorliegenden Band diskutieren AutorInnen wie Henning Melber (Uppsala), Paola Visca (Montevideo), Hans-Heinrich Nolte (Hannover), Helga Schultz (Frankfurt/O.), Viktoria Waltz (Dortmund) und Hannes Hofbauer (Wien) die unterschiedlichen Funktionen von regional sowie sozial schärfer werdenden Grenzen in einer Welt, deren Selbstverständis zunehmend ein grenzenloses geworden ist.

 

 

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Inhalt

 

Joachim BECKER, Andrea KOMLOSY
Vorwort
Leseprobe

Joachim BECKER, Andrea KOMLOSY
Grenzen und Räume - Formen und Wandel
Grenztypen von der Stadtmauer bis zum "Eisernen Vorhang"

Hans-Heinrich NOLTE
Deutsche Ostgrenze, russische Südgrenze, amerikanische Westgrenze
Zur Radikalisierung der Grenzen in der Neuzeit

Joachim BECKER, Asli E. ODMAN
Von den inneren zu äußeren Grenzen
Die Auflösung von Habsburgermonarchie und Osmanischem Reich im Vergleich

Andrea KOMLOSY
Migration und Freizügigkeit
Habsburgermonarchie und Europäische Union im Vergleich

Henning MELBER
Grenzen des (post-)kolonialen Staates
Von Deutsch-Südwest nach Namibia

Viktoria WALTZ
Israel - Palästina
Ein Siedlerstaat im Spiegel der Raumordnung und Raumplanung

Helga SCHULTZ
Geteilte Städte oder Zwillingsstädte?
Konjunkturen von Trennung und Kooperation

Hannes HOFBAUER
Jugoslawische Zerfallslinien
Aktuelle Grenzen in historischer Perspektive

Joachim BECKER, Paola VISCA
Dollars, Pesos, Patacones
Grenzen des Geldes in Argentinien

Karen IMHOF
Grenzenlose Ökonomie - begrenzte Migration
Mexiko und NAFTA

 

HerausgeberInnen

 

Joachim BECKER, Jg. 1960, ist Professor am Institut für Volkswirtschaftstheorie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zuletzt gab er bei Promedia den Titel "Geld Macht Krise. Finanzmärkt und neoliberale Herrschaft" (2003) heraus.

Andrea KOMLOSY, Jg. 1957, arbeitet als Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Zuletzt erschien von ihr bei Promedia "Grenze und ungleiche regionale Entwicklung. Binnenmarkt und Migration in der Habsburgermonarchie" (2003).

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