Freitag 22. Februar 2019
09. Oktober 2018, 15:00-16:30 -HSB Unicampus

VO Schwerpunktvorlesung: Bildung und ungleiche Entwicklung

Bildung ist einer der zentralen Leitbegriffe der aufklärerischen Moderne, und doch bleibt der Begriff ähnlich vage und ungreifbar wie Entwicklung, Kultur, Demokratie oder andere Leitkonzepte, mit denen ein kollektiver Aufbruch in ein besserer Zeitalter versprochen wurde. In der Diskussion um Internationale Entwicklung nach 1945 lassen sich zwei optimistische Ankündigungsdiskurse unterscheiden:

 

• Der Bildungsoptimismus der Modernisierungstheorien, die in Bildung einen der Schlüssel für gesellschaftlichen Fortschritt auf allen Ebenen sahen;
• Das Versprechen, einer "anderen" Bildung, die nicht den Interessen der Herrschenden diene, sondern unterdrückte Stimmen hörbar mache, Marginalisierte ans Zentrum heranrücke und die Dichotomie von Wissenden und Unwissenden kritisch hinterfrage (u.a. Gramsci, Freire);
• Ein dritter Diskursstrang erlangte nie derartiges politischer Gewicht: Die Theorien und Experimente der alternativen Pädagogik (u.a. Montessori, Illich).

 

 

Was blieb von diesen zwei bzw. drei Bildungsparadigmen in der Zeit nach 1989? Der Mainstream der internationalen Entwicklungsdiskussion konvergierte in diesem Jahren in den Zielbestimmungen im Rahmen der Millennium Development Goals (MDG), die als zweites Ziel die Primarschulbildung aller Kinder bis 2015 ins Auge fasste. Den MDG voran ging die Education for All-Initiative; ihnen folgte das Ziel 4 in den Sustainable Development Goals. Diesen internationalen Prozessen ist die Überzeugung gemeinsam, dass Bildung Entwicklung befördert, wirksam ist, Armut und Ungleichheit zu überwinden.
Im letzten Jahrzehnt ist auch ein anderer Diskurs wirkmächtig geworden, der nun von den wohlhabenden Staaten der OECD getragen wird: Die PISA-Studien erheben weltweit Zahlen und Fakten zur Lage der Bildung in den OECD-Staaten, um diese in einen Vergleich zu bringen. Dahinter steht die Maxime, dass ein besserer Ausbildungsstand der Bevölkerung für die Stellung im globalen Wettbewerb von Vorteil ist. In weiterer Folge wurde viel Energie in die Erarbeitung von Instrumenten zur Standardisierung und weiteren Vergleichbarkeit von Bildung investiert. Haben wir es hier mit einer globalen Konvergenz dieses einstmals so heterogenen Gutes Bildung zu tun?

 

Neben Konvergenzprozessen lassen sich auf internationaler Ebene aber auch Divergenzprozesse beobachten. Es kann nicht mehr länger davon die Rede sein, dass die Systeme des alten Zentrums Westeuropa und den USA in die peripheren Regionen der Welt expandieren. Neben den alten Zentren haben die Staaten der Semiperipherie einen bemerkenswerten politischen und ökonomischen Aufstieg erlebt, hier insbesondere China, Indien, Brasilien, weiters in gewisser Hinsicht auch Russland und Südafrika. Doch was bedeutet der Aufstieg der BRICS-Staaten für Bildung und die internationalen Debatten um Curricula und Standardisierung? Werden diese bestätigt oder haben wir es mit einem dialektischen Widerspruch zu tun?

 

In diesem Zusammenhang sind insbesondere jene Initiativen von Interesse, bei denen in Ländern der Peripherie versucht wurde, einen eigenständigen Weg der Bildungspolitik zu beschreiten. Im Rahmen der ALBA-TCP wurdw auch der interregionalen Bildungszusammenarbeit breite Aufmerksamkeit zuteil. Mit Unterstützung Kubas und Venezuelas hat Bolivien die Alphabetisierungskampagne "Yo sí puedo!" gestartet, die laut Regierungsdarstellung zur Beseitigung des Analphabetismus führte. Vergleichbare Kampagnen fanden sich in Nicaragua und in einigen anderen lateinamerikanischen Ländern. Sind diese Initiativen Zugängen der kritischen Theorie der Pädagogik geschuldet?

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