Gustavo Esteva (1936–2022)

Gustavo Esteva starb am 17. März 2022 in Oaxaca, Mexiko. Die Globalhistorikerin Martina Kaller hat diesen Nachruf auf den einflussreichen Kritiker der Entwicklungsidee verfasst.

 

„Repensar todo de nuevo“ – „Alles noch einmal überdenken“, pflegte Gustavo Esteva zu sagen. Das prägte sein Denken, sein Leben und sein Handeln.

 

Gustavo Esteva 2018

Gleich lautete der Titel einer Artikelserie, die er in der zweiwöchentlich erscheinenden Beilage der mexikanischen Tageszeitung La Jornada mehr als ein Jahr lang veröffentlichte. Gustavo bot den Lesern und Leserinnen verdauliche Versionen von Ivan Illichs Texten an und verwob dessen oft schwer zugängliche Ideen mit Geschichten. Ich erinnere mich an die großformatigen Blaupausen, die Gustavo zusammen mit seiner Nicole Blanc alle zwei Wochen auf dem riesigen Tisch in ihrem Haus zusammenklebte. Das war, bevor es Desktop-Publishing gab.

 

Als wir Anfang der 1990er Jahre begannen, alles neu zu denken, übersetzte ich gerade sein Buch Fiesta- jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik (Wien/ Frankfurt 1992, Neuauflage 1995). Ein Grund mehr, sich mit jenen Autoren zu beschäftigen, die Esteva maßgeblich beeinflusst hatten. Gustavo war überzeugt, dass man sich, wie er sagte, „zu den Läusen am Kopf des Autors gesellen muss,“ damit die Worte im Kontext der anderen Sprache spürbar werden. Ansonsten wäre es die Mühe nicht wert. Griffbereit fand ich in seiner Bibliothek seine Lektüre. Als Gast bei Gustavo und Nicole in San Pablo Etla, einem kleinen Dorf in der Nähe der Landeshauptstadt Oaxaca, genoss ich das Privileg, Zugang zu diesem Schatz zu erhalten. Wir führten unzählige, lange Gespräche, in denen er mich einlud, eigene Interpretationen vorzubringen, um mir schließlich seine näher zu bringen. Gustavo verpasste mir eine fruchtbare Gehirnwäsche. Meine Sicht auf Vieles, nicht nur in Mexiko, hat sich über die Jahrzehnte der Freundschaft und Zusammenarbeit tiefgreifend verändert. Meine eigenen Forschungen in Oaxaca zeugen davon. Nicole und Gustavo beherbergten mich in ihrem Gästehaus in San Pablo Etla immer wieder mehrere Monate lang. Mein Kind war mit mir zu Gast. Mein Herz ist von Dankbarkeit erfüllt.

 

 

In den 1990er Jahren erschütterten viele Krisen Gustavos Heimatland. Voraus ging im Jahr 1985 das verheerende Erdbeben in Mexiko-Stadt. Nach dieser Katastrophe, meinte Esteva, würden die Dinge nie wieder so werden, wie sie waren. Mexikos Streben von einem Entwicklungsland zu einem Schwellenland aufzusteigen, lag buchstäblich in Trümmern. Der Staat der Bürokraten befand sich auf dem Rückzug. Die Stunde der Basisbewegungen war gekommen. Die damit einhergehende Wiederentdeckung indigener Kulturen gipfelte am 1. Januar 1994 im Aufstand der Zapatisten. Gustavo wurde unmittelbar danach in das Beraterteam der Aufständischen nach Chiapas berufen. Die Idee der Autonomie als politische Möglichkeit in einer multikulturellen Gesellschaft hatte ihn schon lange fasziniert und beflügelt. Es bot sich die Gelegenheit, Autonomie zu verhandeln. Er erfüllte seine Aufgabe auch bei den Friedensverhandlungen von San Andrés, als er Bischof Samuel Ruiz beistand, die militärische Konfrontation zwischen der mexikanischen Zentralmacht und dem bewaffneten Arm der zapatistischen Aufständischen beizulegen.

 

Gustavo, selbst ein begnadeter Meister der Feder, konnte von den Kommuniqués des Subcomandante Marcos nicht genug bekommen. Wie ähnlich waren doch Gustavos und Marcos Ansichten. Er teilte mit den Zapatisten Begriffe, Konzepte, Metaphern und die tiefe Hoffnung, dass es Alternativen gibt.

 

International wurde Esteva für seine harsche Entwicklungskritik bekannt. Er behauptete und machte uns klar, dass Entwicklung allen schadet. Es sagte: „Entwicklung stinkt.“ Wir hatten in diesem Odeur vergessen, was ein gutes Leben bedeutet. Hatten es eingetauscht gegen die Versprechen des technischen Fortschritts, formaler Schulbildung und Wirtschaftswachstum. Dafür bezahlen wir nun mit einer verheerenden Umweltzerstörung. Immer rasanter griff die Globalisierung des kolonialen Lebensstils um sich. Unsere Erde kann nicht mehr. Es ist Zeit zu handeln. Gleichzeitig gilt es „noch einmal alles zu überdenken.“ Das ist kein Widerspruch.

 

Gustavo Esteva ist Autor und Herausgeber von mehr als 40 Büchern, schrieb hunderte Aufsätze in akademischen Zeitschriften und Büchern, unzählige Zeitungsartikel und Kolumnen. Er hielt Vorträge in der ganzen Welt und lehrte an vielen Universitäten von Kanada bis Chile; auch in Wien und anderen Orten Europas. Gustavo hat seine akademischen (und anderen) Titel nie verwendet. Er nannte sich einen herumstreifenden Geschichtenerzähler. Das war er. Ein strenger Analytiker ebenso.

 

Physisch und geistig zog es ihn mit 53 Jahren zu den Wurzeln zurück. Seine zapotekische Großmutter aus Oaxaca kam in den Geschichten immer wieder vor.

 

Gustavo Esteva spielte eine zentrale Rolle bei der Gründung des unabhängigen Lernexperiments Universidad de la Tierra (UNITIERRA) in Oaxaca Stadt. Ein zapotekischer Intellektueller hatte den Namen vorgeschlagen. Er fand, dass die UNITIERRA ein Ort mit Bodenhaftung sein sollte. Gustavo gefiel das und UNITIERRA hat sich vom ersten Moment an ein Prinzip gehalten: Hier lernt man durch Tun. Unterschiedlichste Aktivitäten, regionale und internationale Projekte, intensive Lerneinheiten und natürlich die unvergesslichen Tertulias (offene Seminare, bei denen jede und jede willkommen ist) wurzeln im unerschöpflichen Wissen der Indigenen sowie den reichhaltigen Erfahrungen der sozialen Bewegungen im Süden Mexikos.

 

UNITIERRA öffnete seinen gastlichen Raum auch für Studenten und Studentinnen der Universität Wien. Mehrere Jahre sind wir in Gruppen dorthin gereist und immer wieder fasziniert zurückgekehrt. Einzelne Forscher und Forscherinnen meiner Fakultät wurden von Gustavo Esteva und seinem wunderbaren Team, einer Gruppe von Forschern und Forscherinnen und Lehrenden, bewusst ent-professionalisierten Intellektuellen sowie faszinierenden Menschen von der Basis, willkommen geheißen und sorgfältig betreut. Diese Zusammenarbeit setzen wir fort. Wir werden Gustavo schmerzlich vermissen.

 

Ich habe den großzügigsten Mentor, Lehrer, Inspirator und Begleiter auf meiner eigenen intellektuellen und persönlichen Reise verloren. Mit ihm geht sein Optimismus nicht verloren. Schon gar nicht seine Gastlichkeit und seine unerschütterliche Überzeugung, dass die Kraft aus Freundschaft erwächst und durch die Freundschaft die Kraft.

 

Gustavo Esteva darf in Frieden ruhen. Wir bleiben unruhig in diesen schwierigen Zeiten.

 

In diesen Tagen des Verlustes gilt mein tiefstes Mitgefühl seiner Lebensgefährtin Nicole Blanc, seiner Familie und seinen Freunden. Gustavo Esteva starb am 17. März 2022 in Oaxaca.

 

Martina Kaller, Wien, am 20. März 2022

 

 

Hinweis: Ein Text von Gustavo Esteva ist im Sammelband "Entwicklungstheorien" (=GEP Bd. 17) zu finden, im Abschnitt "Post-Development", S. 348-350.

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