Donnerstag 21. März 2019
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Sozialismen in Entwicklung - Marx und der globale Süden

Was kann Sozialismus sein? Welche Perspektiven kann Sozialismus bieten? Wie lassen sich Sozialismen mit Entwicklungspolitik verbinden? Die neue Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) „Socialisms in Development“ und das Buch „Marx und der Globale Süden“ gehen diesen Fragen nach.

 

 

 

 

 

Am 30. Oktober 2017 wurden anlässlich des Hundertjahresjubiläums der Oktoberrevolution zwei neue Bucherscheinungen, die sich mit verschiedenen Formen des Sozialismus auseinandersetzen, in der ÖGB-Fachbuchhandlung vorgestellt: „Marx und der Globale Süden.“ (Hg. Felix Wemheuer) und das neue Heft des Journals für Entwicklungspolitik „Socialisms in Development.“ (Hg. Eric Burton). Zu diesem Anlass diskutierten die beiden Herausgeber sowie Julia Eder (JKU Linz) unter der Moderation von Andrea Komlosy (Universität Wien) darüber, welche Perspektiven und Möglichkeiten Sozialismen heutzutage bieten können.

Der Sozialismus – nur ein Modell?

Die Moderatorin Andrea Komlosy eröffnete die mit 50 BesucherInnen gut besuchte Veranstaltung und führte in das Thema der Podiumsdiskussion ein. Sie verwies zunächst auf die unterschiedliche Wahrnehmung des Sozialismus im Globalen Norden beziehungsweise im Globalen Süden. Während der Sozialismus im Norden „mehr oder weniger ein Modell geblieben ist“, das sich vor allem als Gegengewicht zur kapitalistischen Ordnungsmacht entwickelte und Verteilungsfragen behandle, so sei es im Süden teilweise zur praktischen Realisierung gekommen. Im Fokus der „peripheren Entwicklungsländer“ würde dabei die nachholende Entwicklung stehen. Schließlich stellte Komlosy die Frage in den Raum, wie verschiedene Sozialismen als mögliche Entwicklungsstrategien aussehen.

Verschiedene Formen des Sozialismus

Zunächst stellte Eric Burton die neue Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) „Socialism in Development“ vor und führte an, dass dies ein Versuch sei, Entwicklungspolitik mit Sozialismus zusammenzubringen, da es bisher nur wenig Literatur dazu gäbe. Der Schwerpunkt des Heftes liege insbesondere darin, in vier Beiträgen aufzuzeigen, dass es nicht nur den „einen“ Sozialismus, sondern viele verschiedene Formen gebe, und wie diese im Verhältnis zueinander stehen.

Der Maoismus und der afrikanische Sozialismus seien nur Beispiele vieler verschiedener Formen. Diese seien geprägt durch unterschiedliche Austauschbeziehungen, Konkurrenzverhältnisse, Relationen, etc., was er anhand eines Beispiels (nachzulesen in der Ausgabe des JEP) veranschaulichte. So würden China und Russland aufgrund ihrer Stellung als Großmacht und der globalen Bedeutsamkeit für andere Sozialismen eine Schutzfunktion einnehmen, aber gleichzeitig mit diesen in Konkurrenz stehen. Julia Eder führte daraufhin aus, dass sozialistische und klassische Entwicklungsstrategien ein ähnliches Verständnis von Entwicklung aufweisen würden, sich aber vor allem durch die Beschaffung von Produktionsmitteln, Verteilung von Gewinn und einem Plan für die Produktion unterscheiden würden. Auch wenn Sozialismus in der Theorie eine Auflösung der globalen Abhängigkeiten erreichen möchte, sei dies in der Praxis nicht gelungen, meinte Eder und verwies auf das Beispiel Kuba.


Marx und die postkoloniale Theorie


Anschließend stellte auch Felix Wemheuer sein Buch „Marx und der Globale Süden“ vor, das sich in drei Teile gliedern lasse: So beschäftige sich der erste Teil mit dem Verhältnis von postkolonialer Theorie und Marxismus, im zweiten Teil gehe es um die Rezension von Marx im Globalen Süden und der dritte Teil behandle die aktuellen sozialen Umwälzungen im Globalen Süden und wie diese mit marx’schen Kategorien zu fassen seien. Besonders die Beschäftigung mit dem Verhältnis zur postkolonialen Kritik führte zur weiteren Diskussion und der Frage danach, ob und wie eine Zusammenarbeit sinnvoll sei. In diesem Zusammenhang kritisierte Wemheuer die vereinfachte Darstellung von Marx als „orientalistischen, imperialistischen Denker“, da seine Ausführungen zum Globalen Süden zunehmend differenzierter und kritischer wurden.


Ist Marx out?

Sowohl Wemheuer als auch Eder betonten, dass es fragwürdig sei, Marx beziehungsweise Sozialismus als etwas historisch Vergangenes zu betrachten und dass dies eine eurozentristische Sichtweise sei. Beispiele aus dem Globalen Süden, wie die Wahlen sozialistischer Regierungen in Lateinamerika seit 2003, würden die Relevanz aus heutiger Sicht aufzeigen. Im Globalen Norden sei es vor allem der Neoliberalismus und die postkoloniale Theorie, die an Bedeutung gewonnen haben, während dem Marxismus beziehungsweise dem Sozialismus im Globalen Süden besondere Bedeutung zukommt und beispielsweise in Schulen gelehrt wird. Nach Wemheuer sei die nachholende Industrialisierung in den 1980ern zwar nicht gelungen, hätte jedoch dennoch eine Verschiebung der globalen Machtverhältnisse bewirkt, wie sich anhand vom Beispiel China zeigen lasse.

Was kann Sozialismus heute sein?

In der abschließenden Diskussion gemeinsam mit dem Publikum stellte sich die Frage, ob der Sozialismus heutzutage noch eine Alternative oder Gegenstrategie zum vorherrschenden Kapitalismus darstelle, obwohl sich in der Vergangenheit gezeigt habe, dass der Sozialismus nach Marx nicht funktioniere. Daraufhin verwies Julia Eder auf die Notwendigkeit, die verschiedenen Formen und Ausprägungen des Sozialismus genauer zu betrachten und sich brauchbare Ideen und Konzepte herauszunehmen. Es könne nicht darum gehen, Modelle einfach zu übernehmen.

 

Ein Bericht von Tina Assmann

 

Die Autorin ist Praktikantin des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

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