Sonntag 23. September 2018
CC BY 3.0

Samir Amin 1931–2018

Samir Amin ist am 12. August in einem Pariser Spital verstorben. Das Werk des marxistischen Abhängigkeitstheoretikers beeinflusst kritisches Entwicklungsdenken seit Jahrzehnten. So auch uns im Mattersburger Kreis. Wann immer es um Kapitalismusanalyse und ungleiche Entwicklung  geht, um die untergeordnete Einbindung  der Peripherie in die internationale Arbeitsteilung und wie sie überwunden werden kann, kommen wir ohne eine Referenz auf Samir Amin nicht aus.

 

Samir Amin wurde 1931 als Sohn einer Französin und eines Ägypters in Kairo geboren und durchlief das französische Bildungssystem. Mit einem Diplom von der renommierten „Sciences Po“ und einem Doktorat in Politischer Ökonomie vom Institut national de la statistique et des études économiques in der Tasche, arbeitete er von 1957 bis 1960 in der ägyptischen Wirtschaftsplanungsagentur. Als ihn Nassers Kommunistensäuberung außer Landes trieb, setzte er seine Arbeit im Planungsministerium des gerade unabhängig gewordenen Mali fort. Ab 1966 arbeitete Amin als Professor in Paris und dann in Dakar, Senegal. Dort leitete er das African Institute for Economic Development and Planning der Vereinten Nationen und ab 1980 das Regionalbüro des Third World Forum.

 

Samir Amin begann als Dependenztheoretiker und schlug eine Brücke zum Weltsystemansatz. Akkumulation auf Weltebene und Imperialismus waren seine Themen. Er theoretisierte sie im Rahmen der Marxschen Arbeitswerttheorie, die er auf die globale Ebene hob. Seine zentrale These: Kapital aus dem Norden eignet sich durch ungleichen Tausch „imperialistische Renten“ an, indem es dieselbe Arbeit in der Peripherie niedriger entlohnt als diejenige im Zentrum. In der Peripherie werden Arbeitende folglich überausgebeutet: Sie verschaffen erstens den Kapitalisten und Unternehmen Extraprofite und schaufeln zweitens „globalen Transferwert“ in die Zentren. Durch die unterbezahlte Arbeit in der Peripherie bleiben das Konsumniveau und eine relative politische Stabilität in den Zentren erhalten. Viel diskutiert und nicht unumstritten, blieb Amin bis zum Schluss seinem Ansatz treu und entwickelte ihn weiter. 2010 erschien eine neue und erweiterte Version seines Buchs Law of Worldwide Value, in der er die Finanzkrise verarbeitete.

 

Als Theoretiker hat sich Amin der Praxis verschrieben. Seine politischen Antworten waren so radikal wie seine Analyse. Es geht nicht darum, den Krisen des Kapitalismus zu entkommen, ein hoffnungsloses Projekt, sondern den krisenhaften Kapitalismus loszuwerden. Es ist nicht die Zeit für Forderungen nach Regulierung, die defensive Verteidigung des Erreichten oder ein Zurück zu alten Antworten. Das Monopolkapital hat die sozialen Kompromisse aufgekündigt. Das globale Programm für sozialistische Vergesellschaftung und eine anti-imperialistische Weltordnung, das Amin bis zum Schluss mit viel Herz und Optimismus vertrat, lautete: Sozialisierung des Monopoleigentums, Entfinanzialisierung und De-Linking/De-Globalisierung. Das hatte nichts Provinzielles. Als Präsident des Third World Forum und des Forum for Alternatives trat er für die Bildung einer neuen Internationale ein.

 

Aktiv bis zuletzt, bleiben seine zahlreichen Bücher, Artikel und Interviews weiterhin eine intellektuelle und politische Inspiration für uns.

 


Karin Fischer, Obfrau des Mattersburger Kreises

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