Montag 23. April 2018
Grauzonen der Arbeit
Volume XXXI • Issue 4 • 2015
Grauzonen der Arbeit

Heute sind weltweit schätzungsweise über 60 Prozent der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft informell tätig. Dazu gehören nicht nur ambulante HändlerInnen oder selbständige HandwerkerInnen im informellen Sektor, sondern auch sogenannte „SchwarzarbeiterInnen“ in Fabriken und Dienstleistungsfirmen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche halb(in)formelle Praktiken, die die Beziehung zwischen Arbeit und Kapital kennzeichnen. Vor dem Hintergrund eines globalisierten Kapitalismus, der durch eine zunehmende Prekarisierung und Informalisierung der Arbeitsbeziehungen charakterisiert ist, gewährt die Schwerpunktausgabe einen Einblick in die Grauzonen zwischen informeller und formeller Arbeit, um auf diese Weise den Zusammenhang zwischen nicht regulierten Tätigkeiten und kapitalistischer Akkumulation darzustellen. Diese Grauzonen und Interdependenzen werden in verschiedenen Beiträgen sowohl (global-)historisch und theoretisch-konzeptuell reflektiert als auch anhand exemplarischer Beispiele empirisch veranschaulicht.

 

Schwerpunktredaktion: Claudia Cerda Becker, Johanna Sittel, Stefan Schmalz

Print ISSN: 0258-2384│Online ISSN: 2414-3197

                                                                                          

Ausgabe kaufen

Inhalt dieser Ausgabe
Cerda-Becker, Claudia; Sittel, Johanna; Schmalz, Stefan

Die Grauzonen der Arbeit: Zum Verhältnis von Informalität und Formalität im globalen Kapitalismus (Einleitung)

Sprache: DEUTSCHSeiten: 4-11https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-31-4-4
  • Abstract

 Einleitung

Mahnkopf, Birgit; Altvater, Elmar

Informelle Arbeit und das Leben in Unsicherheit

Sprache: DEUTSCHSeiten: 12-35https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-31-4-12
  • Abstract

Der Beitrag befasst sich mit den Schattenseiten von Arbeit und Leben in der modernen kapitalistischen Gesellschaft, speziell mit dem Formwandel der Arbeit. Wie kam es zur Herausbildung von Lohnarbeit, wie ist diese dann so normiert worden, dass von einem Normalarbeitsverhältnis gesprochen werden kann, und wie ist zu erklären, dass die sozialen Formen dieser Normalität aufgelöst worden sind und inzwischen 60 Prozent der globalen Arbeitskräfte „informelle Arbeit“ leisten? Dafür ist die Globalisierung mit ihrem Wettbewerbsdruck auf alle „Standorte“ verantwortlich. Um Kosten zu senken, werden Regeln dereguliert und die Formen der Arbeit aufgelöst, die menschliche und soziale Sicherheit und auch so etwas wie würdige Arbeit vermittelt haben. Arbeit wird also „informalisiert“, und nicht zufällig ist seit den 1970er Jahren in den Sozialwissenschaften die Rede von informeller Arbeit. Sehr häufig, aber durchaus nicht immer und notgedrungen, landen informell Arbeitende in prekären Verhältnissen.

Komlosy, Andrea

Informalität aus globalhistorischer Perspektive

Sprache: DEUTSCHSeiten: 36-58https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-31-4-36
  • Abstract

Der Beitrag zeigt die Breite der mit Informalität angesprochenen Phänomene auf und ordnet diese drei zentralen Informalisierungsprozessen zu: Auslagerung der Produktion in ungeregelte, ungesicherte Bereiche; Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse; Informalisierung als Überlebensstrategie von Menschen ohne Zugang zu gesicherter Erwerbsarbeit. Es wird ein Kategoriensystem vorgestellt, das zwischen reziproker, kommodifizierter und tributärer Arbeit unterscheidet, gleichzeitig aber davon ausgeht, dass die Tendenz zur Verallgemeinerung bezahlter, regulierter Erwerbsarbeit eine eurozentrisch-westliche Verengung der Perspektive darstellte, periphere Regionen ausklammerte und zudem auf den Zeitraum 1880–1980 beschränkt war. Aus globalhistorischer Perspektive ist es dagegen notwendig, die Gleichzeitigkeit und Kombination von Arbeitsverhältnissen zu berücksichtigen, die sich durch den ständigen Wechsel und die Gegenläufigkeit von parallel stattfindenden Formalisierungs- und Informalisierungsprozessen auszeichnen.

Sittel, Johanna; Berti, Natalia; Buffalo, Luciana; Schmalz, Stefan; Vidosa, Regina

Reflexionen zum Informalitätskonzept am Beispiel der argentinischen Automobilindustrie

Sprache: DEUTSCHSeiten: 59-82https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-31-4-59
  • Abstract

Der Beitrag behandelt die Ausprägungen informeller Arbeit im Umfeld der argentinischen Automobilindustrie. Auf der Grundlage qualitativer empirischer Forschungsergebnisse wird herausgearbeitet, dass Informalität oft in Gestalt von Grauzonen zwischen regulären und irregulären Tätigkeiten auftritt und nur durch eine mehrdimensionale Perspektive zu erfassen ist, die neben der Produktions- auch die Haushaltsebene einbezieht. Der Artikel schlägt ein dynamisches Informalitätskonzept vor. Neben der Erwerbsarbeit im industriellen Bereich werden auch die Nebeneinkünfte und Konsummuster im Haushalt der ArbeiterInnen sowie Auffälligkeiten in den Erwerbsbiografien am empirischen Beispiel beleuchtet und reflektiert.

Butollo, Florian; Köster, Jakob; Lütten, John

Von der Informalität zur Prekarität? Die Widersprüche der Re-Regulierung von Arbeit in China

Sprache: DEUTSCHSeiten: 83-104https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-31-4-83
  • Abstract

Dieser Beitrag liefert eine Übersicht zu Genese und Ausmaß informeller Arbeit und Beschäftigung in China im Zuge der Marktöffnung nach 1978 und analysiert die jüngst von der chinesischen Regierung ergriffenen Maßnahmen zur Re-Regulierung von Informalität. Die staatliche Politik in Bezug auf informelle Arbeit wird als Doppelbewegung beschrieben, da sie zunächst die Grundlage für die Ausweitung informeller Beschäftigung gelegt hat, seit einigen Jahren aber deren Eindämmung betreibt. Die dazu ergriffenen Maßnahmen beheben die reale Unsicherheit der Beschäftigung jedoch kaum, zumal sie in vielen Fällen nicht greifen. Im Ergebnis bleibt die Qualität der meisten Arbeitsverhältnisse vertraglich unbestimmt und unzureichend. Die fortexistierenden realen Ungleichheiten in der chinesischen Arbeitswelt können besser in den Blick genommen werden, wenn das Prekaritätskonzept auf den chinesischen Fall angewendet wird.

Tietje, Olaf

Tagelöhner_innen in Andalusien

Sprache: DEUTSCHSeiten: 105-124https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-31-4-105
  • Abstract

Der Artikel setzt sich mit den Kontinuitäten informeller Arbeitsbedingungen in der andalusischen Landarbeit auseinander. In diesem Kontext werden die Verhältnisse zwischen (Mehrheits-)Gewerkschaften, informeller Arbeit, Migration und der Produktion von Gemüse in den Fokus der Analyse gerückt. Hierbei werden historische Bezüge mit aktuellen empirischen Daten verknüpft und auf diese Weise Verschiebungen in der informellen Arbeit rekonstruiert. So ist für die andalusischen Obst- und Gemüseexporte trotz Modernisierung und Industrialisierung die Handarbeit vieler häufig irregulär beschäftigter, meist immigrierter Arbeitskräfte der Garant geblieben. Die Rolle der Mehrheitsgewerkschaften ist in diesem Kontext ambivalent und oftmals auf die Kontrolle der Verhältnisse orientiert.

Kontakt
Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik
an den österreichischen Universitäten
Sensengasse 3
1090 Wien, Österreich

T +43 1 317 40 17
E office@mattersburgerkreis.at
Abonnieren Sie unseren Newsletter
© 2015 Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an den österreichischen Universitäten | Impressum
Darstellung:
http://www.mattersburgerkreis.at/