Freitag 22. März 2019
Fotostrecke & Veranstaltungsbericht

Baustelle Rechtsaußen: Rassismus und Antirassismus im Fußball

Anlässlich der Fußball WM 2018 widmet sich die neue Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) Themen der ungleichen Entwicklung im Fußball. Nord-Süd-Beziehungen und Geschlechterverhältnisse, Rassismus sowie Widerständigkeit im Fußball wurden aus entwicklungspolitischer Perspektive diskutiert.

 

 

 

Fußball aus entwicklungspolitischer Perspektive

 

Am 11. Juni 2018 wurde im Rahmen der Veranstaltung „Baustelle Rechtsaußen: Rassismus und Antirassismus im Fußball“ die neue Ausgabe des JEP (Volume XXXIV, 02/18) im Volkskundemuseum Wien vorgestellt. Das Journal mit dem Titel „Fußball und ungleiche Entwicklung“ widmete sich pünktlich zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren 2018 unterschiedlichen Dimensionen sozialer Ungleichheit, in die das Phänomen Fußball eingebettet ist.

Neben Lukas Schmidt und Clemens Pfeffer (Schwerpunktredaktion, Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik) waren bei der Buchpräsentation Julia Glathe (Freie Universität Berlin) und Georg Spitaler (Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung) zur Diskussion eingeladen.  Franziska Temper (fairplay Initiative/VIDC) moderierte die Diskussion über Fußballhooligans, rechtsradikale Bewegungen und antirassistische Initiativen im Gastgeberland Russland sowie die österreichische Fußballszene.

 

Rechtsextreme Szene – Maskulinitätsbild und Straight Edge

 

Julia Glathe und Mihai Varga widmeten ihren Beitrag im aktuellen JEP der rechtsextremen Fankultur in Russland sowie Gewaltformen von Hooligans. Sogenannte Hooligan-Szenen etablierten sich dort in den 1980er und 90er Jahren, wobei sie sich am westlichen, britischen Vorbild orientierten. In den 2000er Jahren, so Glathe, habe ein Wandel in der Szene stattgefunden: Die Straight Edge (zu Deutsch: klare Kanten) Idee sei prominent geworden und habe ein neues Männlichkeitsbild geschaffen. Straight Edge meint eine männlich dominierte Fitnesskultur, die in ein rechtes Weltbild einzuordnen sei. Im Zentrum stehe der auf seine Gesundheit und Fitness bedachte Sportler, der sich insbesondere von alkoholischen Exzessen bewusst distanziere.


Im Vergleich dazu beschrieb Georg Spitaler die in den 1970er und 80er Jahren entstandene österreichische Fankultur als eine, „die von den Medien schnell als Gefahr wahrgenommen wurde“. Das Bild harter Männlichkeit stünden dabei im Vordergrund, politisch ließen sich allerdings verschiedenste Spektren finden.

 

Gegenbewegung: Antirassismus im Fußball


In den 1990er Jahren hätten sich dann Gegenbewegungen unter den Fans in Form von selbstorganisierten antirassistischen Netzwerken in Österreich herausgebildet. Auf die Frage danach, inwiefern diese Gegenbewegung zu einer Veränderung der Fanbewegungen in den Stadien geführt hätte, meinte Spitaler, dass offensichtliche Formen von Rassismus an diesen Orten zwar zurückgegangen wären, rassistische Praxen aber nach wie vor existieren würden.

 

 

Globale Bewegungen gegen den modernen Fußball

 

Im Zuge des vor allem in Russland neu entstandenen Männlichkeitsbildes, würden sich vermehrt Proteste von Fanbewegungen gegen den sogenannten modernen Fußball formieren. Die Kritik richte sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Sports und staatliche Bemühungen, die Aktivitäten von Fans und Hooligans zu kontrollieren. Vor allem in Russland gebe es nationale Bewegungen, die sich rechtsextremer Protestformen bedienen würden und so ihre Werte bewahren und schützen wollten. Hierbei funktioniere der Straight Edge Gedanke als Bindeglied und Legitimation rechtsextremer Aktivitäten und der Bewahrung eben dieser Werte, so Glathe. Mit einer Kritik an der Kommerzialisierung des Profi-Fußballs, welcher als korrumpiert und käuflich verstanden werde, sollen nationale, russische Werte geschützt und gestärkt werden. Dies stehe in Verbindung mit xenophoben und rassistischen Deutungsmustern. KritikerInnen des modernen Fußballs würden vor allem die Einbürgerung ausländischer Spieler im Kontext eines rechtspolitischen Überfremdungsdiskurses in Frage stellen. In welchem Maß die beschriebenen Gegenbewegungen als Kapitalismuskritik verstanden werden könnten, sei jedoch unklar.

 

Auf die Frage aus dem Publikum, inwieweit es sich hierbei um eine anti-neoliberale Kritik handele, erwiderte Spitaler: „Es ist kompliziert auf vielerlei Ebenen und kann eher als Globalisierungskritik verstanden werden, da Globalisierung aus der Perspektive der KritikerInnen lokale Besonderheiten zerstört und dies bekämpft werden soll.“ Im Zuge dessen wurde die ‚Eigensinnigkeit’ und ‚Komplexität’ der fußballbezogenen Aktivitäten in Relation zu Bereichen der Sphäre des Politischen, Nationalistischen sowie einer Kritik an Globalisierungsprozessen hervorgehoben.

 

Erwartungen und Spekulationen

Abschließend fragte die Moderatorin die beiden Gäste nach ihren Einschätzungen, inwieweit bei der WM 2018 in Russland mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans zu rechnen sei. Vor dem Hintergrund der Vorfälle in Marseille während der Fußball Europameisterschaft 2016, sei der russische Sicherheitsapparat gut vorbereitet. Extreme Handlungen von Fans und Hooligan-Gruppen hätten mit strikten Sanktionen zu rechnen, weshalb keine gröberen Vorkommnisse erwartet würden, so Glathe.

Auf eine Frage, ob es auch antirassistische Bewegungen in Russland gäbe, entgegnete die Wissenschaftlerin, dass Russland nicht als Vorbild solcher Bewegungen gälte und es „wenig Nährboden für zivilgesellschaftliche AkteurInnen“ gäbe, so Glathe. Auch Spitaler hielt sich mit Spekulationen bedeckt. Im Kontext der aktuellen, vergangenen und zukünftigen Fußball Weltmeisterschaften fänden immer wieder Menschenrechtsverletzungen statt, die teilweise medial thematisiert würden. Schlussendlich stünden jedoch nach wie vor die Spiele im Fokus und ein unter Umständen zweckmäßig erscheinender Boykott der Fußball Weltmeisterschaft der Herren, welcher die Verstöße der Menschenrechte ächten und im Rahmen eines solchen ‚Mega-Events’ für weltweite Aufmerksamkeit sorgen könnte, erübrige sich somit, schloss Spitaler.

 

 

Ein Bericht von Sina Aping

 

Die Autorin ist Mitglied der Online-Redaktion des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

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