Veranstaltungsbericht & Fotostrecke

Zu Samir Amin und seiner Vorstellung einer antikapitalistischen nationalen Entwicklung.

Kann Volkssouveränität als Alternative zur liberalen Globalisierung verstanden werden? Der im August 2018 verstorbene Weltsystemtheoretiker Samir Amin diskutiert in seinem Werk die Möglichkeiten und Grenzen eines fortschrittlichen Nationalismus.

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Die kürzlich erschiene deutsche Übersetzung des Buchs „Souveränität im Dienst der Völker. Plädoyer für eine antikapitalistische nationale Entwicklung“ wurde am 26. März 2019 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung präsentiert und von Andrea Komlosy (Universität Wien), Julia Eder (JKU Linz/Mattersburger Kreis) und Daniel Köhler (Universität Wien) diskutiert. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Paulo Freire Zentrum, Mattersburger Kreis und dem Promedia Verlag. Hannes Hofbauer (Promedia) moderierte die Diskussion. Rund 40 Interessierte saßen im Publikum.

 

Entwicklungspolitische Bedeutung Samir Amins.

Obwohl Samir Amin neben anderen Weltsystemtheoretikern wie Immanuel Wallerstein, André Gunder Frank und Giovanni Arrighi weniger bekannt scheint, ist er für die Entwicklungsforschung von großer Bedeutung. Im Unterschied zu seinen Kollegen beleuchtete Amin das Weltsystem aus einer Perspektive „des globalen Südens“. Der aus Kairo stammende Entwicklungstheoretiker analysierte globale Ungleichheiten im Weltsystem. Aufgrund der Abhängigkeit der Peripherien von den kapitalistischen Zentren plädierte er für eine Abkehr von der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung. In seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen Buch wird seine antikoloniale und antisystemische Perspektive deutlich.

Mögliche Alternativen für eine gerechtere Weltordnung.

 

Moderator Hannes Hofbauer führte analog zum Buch durch die Diskussion, bei der die zentralen Punkte Amins Weltsystemanalyse aufgegriffen wurden. Grundsätzlich stellt Samir Amin die Frage, wie in einem global-kapitalistischen System, in dem die Peripherien von den Zentren abhängen, ein anderer Weg für Entwicklung ermöglicht werden kann. In der Buchpräsentation wurden die Volkssouveränität als Alternative zur liberalen Globalisierung, die Notwendigkeit einer bäuerlichen Landwirtschaft zur Herstellung von Ernährungssouveränität sowie die Blockaden in den Zentralräumen, die einer sozialen Transformation entgegenstehen, diskutiert.

 

Startpunkt für eine grundlegende Veränderung der globalen Machtverhältnisse könnte eine autozentrierte Entwicklung sein, so das Argument Amins. Damit die Länder des „globalen Südens“ mehr Unabhängigkeit erlangen, soll eine eigenständige Industrie aufgebaut werden. Julia Eder erwähnte in diesem Zusammenhang das Konzept der „collective self-reliance“, dessen Ziel die Herstellung einer gerechteren Wirtschaftsordnung sei. Um die Abhängigkeitsbeziehungen zum „globalen Norden“ zu reformieren, sollen Süd-Süd Kooperationen intensiviert werden. Eder verwies damit auf den Aufruf Amins, dass sich Länder des „globalen Südens“ organisieren sollen, um eine ausgewogene Entwicklung auf nationaler Ebene zu schaffen.

 

Zum Konzept der nationalen Souveränität.

Zum Projekt der Volkssouveränität schreibt Amin, dass die nationale Souveränität ein Instrument ist, das den herrschenden Klassen erlaubt, ihre Wettbewerbsposition innerhalb des Systems zu sichern. Dennoch wäre der Nationalstaat der einzige Rahmen, in dem entscheidende Kämpfe stattfinden, die die Weltordnung verändern können. Auf die Frage des Moderators, ob dies ein Widerspruch sei, argumentieren die Diskutant*innen, dass Samir Amin den Nationalismus nicht gänzlich ablehnte. Er unterschied zwischen Nationalismus im „globalen Norden“, der imperialistisch und nicht fortschrittlich sei und dem Nationalismus im „globalen Süden“, der nur progressiv sei, wenn er antiimperialistisch ist.

Die bäuerliche Landwirtschaft als Weg in die Zukunft?

 

Die größte Herausforderung für die nationale Frage sieht Amin in der Agrarfrage. Die Vortragenden gingen hier besonders auf die Auswirkungen einer Agrarmodernisierung nach dem „westlichen“ Modell ein. Mögliche Folgen einer solchen Modernisierung, wie zum Beispiel die Industrialisierung der Landwirtschaft, wurden von den Diskutant*innen erläutert. Ernährungssouveränität, Subsistenzwirtschaft und die Bildung von Allianzen der Kleinbauern wären Amins Lösungsvorschläge, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Daniel Köhler ergänzte, dass der Weltsystemtheoretiker die Agrarfrage mit marxistischen Ideen verknüpft habe. Amins Wunsch sei eigentlich eine sozialistische Gesellschaftsordnung, denn „[d]er Kapitalismus ist […] von Natur aus unfähig, die bäuerliche Frage zu lösen.“ (S. 76)

 

Blockaden in den Zentralräumen, die eine Transformation verhindern.

Gegen Ende der Buchpräsentation wurde am Beispiel verschiedener Länder diskutiert, welche Faktoren eine soziale Transformation blockieren würden. Besonders im „globalen Norden“ sei die Herausbildung von Allianzen unmöglich. Samir Amin sei auch der Europäischen Union sehr kritisch gegenüber gestanden. Für eine Herausbildung von Alternativen müsste diese aus seiner Sicht eigentlich gänzlich zurückgebildet werden. Andrea Komlosy und Julia Eder betonten, dass Amin in Frankreich am meisten Potenzial sah: „Es ist interessant, weil er das geschrieben hat, bevor die Gelbwesten entstanden sind und er auch das Gefühl hatte, in welchem Staat Europas vielleicht eine Bewegung in der Form herausbricht“, so Julia Eder. Komlosy und Eder kritisieren dennoch das letzte Kapitel seines Buches, da es zu oberflächlich sei.

 

China als Vorbild?

In der abschließenden offenen Diskussion mit dem Publikum wurde besprochen, dass China im Hinblick auf die bäuerliche Frage und soziale Transformation Amins Vorbild gewesen sei. Den sozialistischen Vorstellungen Chinas maß er eine besondere Bedeutung bei. Amins unkritische Haltung gegenüber China wurde von den Diskutant*innen und Teilnehmenden allerdings stark kritisiert. Amin sah China nicht nur als Gegenbewegung zum Imperialismus und als Vorbild für eine antikapitalistische Entwicklung, sondern auch als Hoffnungsträger.

 

Theresa Goisauf ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


Weiterführende Links:

„Souveränität im Dienst der Völker. Plädoyer für eine antikapitalistische nationale Entwicklung“ bei Promedia

Film über Samir Amin: Samir Amin L’Internationaliste organique

 

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